François redete leidenschaftlich auf Karin ein. "Tu es la femme de ma vie, nous allons vivre ensemble une aventure extraordinaire et nous aurons beaucoup d’enfants!", dann zu mir: "Ce n’est pas grave, de toute façon elle ne comprend pas ce que je dis!" – "Was sagt er? Was sagt er? Übersetze!", flehte mich die junge Berlinerin an, aber der Schaffner des Nachtzugs München–Paris pfiff gnadenlos die Türen zu, und François verschwand in Richtung Westen. Ich übersetzte: "Du bist die Frau meines Lebens, zusammen werden wir Großartiges erleben und viele Kinder haben!" Den letzten Satz übersetzte ich nicht: "Es stimmt kein Wort, aber es ist egal, sie versteht ja eh nicht, was ich sage." Karin heulte ununterbrochen. Je t’aime moi non plus.

Ich hatte gerade meine erste Deutschlandreise als Leiter einer deutsch-französischen Jugendgruppe gemacht. Zwei Wochen Bayern, in Scharling beim Tegernsee. Genau zwei Jahre zuvor, am 22. Januar 1963, hatten de Gaulle und Adenauer den Elysée-Vertrag unterschrieben. Der sachliche Diplomatentext sollte eine schonungslose Freundschaftslawine zwischen den ehemaligen Erbfeinden auslösen.

Als ich 1965 nach Bayern fuhr, war ich 21, Theologiestudent in Straßburg, und hatte Deutschland noch nie betreten. Obwohl der Schwarzwald vor der Haustür lag. Von unserem elsässischen Bauernhof aus sah ich jeden Morgen die Sonne aus den schwarzen Tannen emporsteigen. Dazwischen lag der Rhein als müde Schlange. Deutschland war also greifbar nah, aber ich überquerte den goldenen Fluss nie. Ja, ich entdeckte Amerika sogar vor Deutschland. 1963 fotografierte ich Präsident Johnson auf einer Gartenparty im Weißen Haus. Diese Ehre hatte ich meiner Tante Mary zu verdanken, sie war die bekannteste Friseurin von Washington, D. C., und hat schon Jacqueline Kennedy frisiert. Neben uns in Georgetown wohnte ein echter Spion. Ich durfte mit ihm in das Pentagon. Er brachte mir bei, chiffrierte Briefe zu schreiben.

Ich bin Elsässer, einer von der Sorte Menschen, die die Deutschen schon immer zu lieben glaubten. Die Elsässer, sagte mir einmal Alfred Grosser, sind keine Brückenbauer, ein Steg auf dem Rhein genügt, sie winken dem Schwarzwald zu, sind aber bei Sonnenuntergang wieder zu Hause.

Wurde ich von der Familie als Deutschenfresser erzogen, wie einige meiner Generation? Das nicht gerade, obwohl mein Vater in die Wehrmacht zwangsrekrutiert wurde und 1945 in Polen in deutscher Uniform starb. Zu Hause in der Stube hängt das Bild meines Vaters an der Wand, allerdings mit der französischen Uniform, die er von 1939 bis 1940 trug. Meine Mutter schickte seine Kleider dann wie selbstverständlich an Fritz in die "Ostzone". Fritz hatte unser Haus im Krieg besetzt. Später flüchtete er samt Frau Irma aus der DDR nach Westen. Sie besuchten uns im elsässischen Münstertal und bedankten sich für die Hilfe meiner Mutter.

Elsässisch ist meine Muttersprache. Der kleine Katechismus von Martin Luther war meine geistliche Nahrung als Jugendlicher. Wir sangen nicht "Douce nuit, sainte nuit" unter dem Weihnachtsbaum in der Kirche von Stosswihr, sondern: "Stille Nacht, heilige Nacht" Doch die Väter, die unversehrt aus der Wehrmacht zur Siegermacht Frankreich entlassen wurden, breiteten einen blau-weiß-roten Schleier über ihre Kinder aus. "Il est chic de parler français", hieß es. Wir glaubten es alle, warum auch nicht? Als unser Übervater Charles de Gaulle uns aufforderte, den Deutschen die Hand zu reichen, haben wir ihnen unsere Hand zwar nicht gleich hingestreckt, aber sie auch nicht systematisch verweigert.

Die christliche Jugendorganisation aus Paris war da offensiver. Sie setzte den Friedenskuss zwischen de Gaulle und Adenauer um und dachte einfach, dass ein Elsässer, angehender Pastor, der ideale Mensch sei, um eine deutsch-französische Jugendgruppe zu leiten. Ich sagte zu, aus Neugierde. Es hätte auch eine Reise nach Kalifornien sein können.

Die Erinnerung verklärt bekanntlich, aber meine erste Deutschlandreise verlief überhaupt nicht wie eine erste Deutschlandreise. Das Band der deutschen Kultur zog sich vom Elsass bis nach Bayern. Die lutherischen Geister begleiteten mich, vereint mit denen von Søren Kirkegaard, Jean-Paul Sartre und Martin Heidegger, der in Frankreich noch nicht als Naziprofessor abgestempelt war. Mein elsässisches Dasein, durch Hitler kastriert, öffnete mir zwar ein Fenster, schloss aber gleichzeitig viele andere. Grenzbewohner öffnen sich nicht automatisch. Die Grenze verbindet und trennt zugleich.