Dreißig Jahre nach dem Watergate-Skandal haben Washingtons Politiker zu guter Letzt gelernt, mit Bob Woodward umzugehen. Statt sich vor ihm zu verstecken, laden sie Amerikas prominentesten Enthüllungsreporter zum Tee ein. Wer "Quelle" ist, darf hoffen, im nächsten Insiderbuch über Washingtons Mächtige besser wegzukommen. Heutzutage empfängt der Präsident höchstselbst den Reporter, gleich zweimal, insgesamt vier Stunden lang. Wo der Chef derart redselig ist, wollen die Unterlinge nicht nachstehen: Colin Powell, Condoleezza Rice, Donald Rumsfeld, George Tenet - alle durfte Woodward ausgiebig für Bush at War befragen, seine Reportage über die ersten hundert Tage nach dem Anschlag vom 11. September 2001. Wie zufällig fielen dem Reporter Dutzende geheime Sitzungsprotokolle des Nationalen Sicherheitsrates, des Pentagon und des CIA in die Hände. Alles Dokumente, die andernorts mindestens dreißig Jahre lang unter Verschluss geblieben wären. Ihre frühzeitige Publikation zeigt, wie offen die amerikanische Demokratie ist.

Für Wahlvolk und Welt transparent gemacht zu haben, wie die Mächtigen in ihren Konferenzsälen und Hinterzimmern über Krieg und Frieden debattieren, ist Woodwards Verdienst.

Dieses Verdienst kennt einen Preis. Das Kabinettsgeheimnis hat einen Grund.

In seinem Schutze sollen gewählte Politiker reden können, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, und nicht, wie es die nächste Wahl gebietet. Müssen Politiker fürchten, dass jedes ihrer Worte sofort durch amtliche Protokolle öffentlich wird, schrumpft der Raum der freien Erörterung. Mit Bob Woodward tritt die Instant-Geschichte an die Seite des Live-Fernsehens. Zudem weiß niemand genau, ob es die ganze Geschichte ist. Woodward muss, um Quellen zu schützen, ohne Fußnoten arbeiten. Woher seine Zitate stammen, ob aus Dokumenten oder Interviews, ob von den Zitierten oder deren Gegenspielern, bleibt meist offen. Am Ende muss man Bob Woodward vertrauen. Dazu freilich bietet die Vita des Autors allen Anlass. Bislang fühlt sich keine der handelnden Personen missverstanden.

Schlüsselloch-Geschichten aus dem Weißen Haus sind in Amerika rasend populär.

Das erklärt den Buch-Erfolg von Kennedys Tonbandprotokollen aus der Kubakrise ebenso wie den Kultstatus für die Fernsehserie West Wing. Was Woodward nun aufgeschrieben hat, wird jeden Skriptschreiber von Hollywood neidisch machen.

Auf jene rührselige Szene etwa, in der Sicherheitsberaterin Rice drei Tage nach dem Anschlag völlig übermüdet nach Hause kommt, erstmals den Fernseher anstellt und dort den Wachwechsel vor dem Buckingham Palace in London sieht.