Die Lust an Punkten, Plätzen, Positionen ist nicht länger der U-Musik, der Belletristik- oder der Gourmetbranche vorbehalten: Auch auf dem Kunstmarkt kursieren zunehmend die Listen und die Kanons, die Charts und Rankings. Die wichtigsten Künstler, die aktivsten Sammler, die höchsten Preise, die spannendsten Ausstellungen, die einflussreichsten Persönlichkeiten, sie alle werden nach mehr oder weniger durchschaubaren Kriterien bewertet und dann in Zeitschriften wie art, Capital, ARTnews oder ArtReview in Ranglisten benannt.

Die Rankings steigern die Auflagen, denn gern gelesen werden die Platzzuweisungen allemal. Sowohl von denen, die sich dort wiederfinden, als auch von denen, die das Ganze für einen "Werbetrick" halten, wie der Berliner Galerist Claes Nordenhake. Dass die Listen langfristig das Marktgeschehen beeinflussen, bezweifelt der Vertreter prominenter Künstler wie Antony Gormley, Mona Hatoum oder Ulrich Rückriem allerdings. "Damit kann man höchstens Anfänger beeindrucken oder Eitelkeiten befriedigen", sagt Nordenhake, "mit seriösen Geschäften hat das wenig zu tun."

Vor allem "Unterhaltungswert" billigt Alexander Schröder von der Berliner Galerie Neu dieser Art von Lektüre zu. Die Listen spiegelten das "Herumgeschiebe" auf dem Markt, von Namen und Werken der von den Mächtigen und Einflussreichen gehypten jungen Künstler. Für sein Galerieprogramm mit Künstlern wie Manfred Pernice, Kai Althoff und Christian Flamm verlasse er sich auf die eigene Liste im Kopf.

Gerard Goodrow, beim Auktionshaus Christie's der Experte für zeitgenössische Kunst, beobachtet zumindest kurzfristige Preisausschläge bei den jüngeren gelisteten Aufsteigern. "Auf den Wert so etablierter Künstler wie Gerhard Richter, Sigmar Polke oder Bruce Nauman haben Plätze an vorderster Front wohl keinen Einfluss mehr", sagt er, "aber als Rosemarie Trockel und Franz Ackermann vor ein paar Jahren plötzlich so hoch eingestuft wurden, war das schon interessant - auch kunsthistorisch." Das Auktionshaus bedient sich der Hitlisten als Informationsquelle vor allem mit Blick auf neue Sammler und damit potenzielle Kunden. "Da findet man immer noch welche, die man noch nicht kennt", so Goodrow.

Allerdings weiß der ehemalige ARTnews-Journalist, wie fragwürdig sich manche Charts zusammensetzen. "Wenn der Redaktion etwa gerade einmal Asien unterrepräsentiert erscheint, müssen die Korrespondenten Namen liefern."

Die Hamburger Galeristin Andrée Sfeir-Semler nimmt die gedruckten Bewertungen ernst, "ob es mir nun gefällt oder nicht. Darauf berufen sich auch gute Sammler." Dass aber auch Künstler ohne Listenplätze Karriere machen können, hat sie an Katharina Grosse beobachtet. Die 41-jährige Malerin hatte allerdings eine andere Art von Rückenwind: Sie war für den im Jahr 2000 erstmals vergebenen, mit 100 000 Mark dotierten Berliner "Preis der Nationalgalerie für junge Kunst" nominiert.

Als Urmodell der Künstlerbewertung kann der vor mehr als 30 Jahren von dem ZEIT-Redakteur Willi Bongard erfundene Kunstkompass gelten. Liegen die Kriterien der Bewertung offen, wird ersichtlich, wie sich hinter scheinbarer Objektivität diskret Markt- und Einzelinteressen vermischen. So gibt beispielsweise der Berliner Galerist Burkhard Riemschneider im Verlag seines Vaters Benedikt Taschen das Kompendium Art Now heraus. 137 zeitgenössische Künstler werden hier zu den maßgeblichen ihrer Generation erhoben - unter ihnen die von der eigenen Galerie vertretenen. Art Now wurde in sieben Sprachen übersetzt und hält in der hauseigenen Verlagshitliste Rang 11 unter den Bestsellern. Ein schiefes Bild vermittelt auch der jährlich erscheinende Schweizer Bilanz Art Guide. Die ersten Ränge belegen hier Künstler der Galerie Hauser & Wirth, deren Partnerin in der Jury sitzt.