Bahnhöfe sind weltliche Sakralbauten. Der Gott, dem diese Räume huldigen, ist die Zeit, seine Ikone die Uhr. Unterm schwebenden Dach versammeln sich die nomadischen Einzelmenschen zu anonymen, fluktuierenden Öffentlichkeiten.

Kein Wunder, dass diese Kreuzungspunkte von Statik und Bewegung, Aufenthalt und Durchgang, Dauer und Flüchtigkeit die Dichter zur Allegorese animieren oder, wie im Fall des Schweizers Peter Weber, zur Komposition eines wundersamen Gegen- oder Paralleluniversums, das seinen Reiz aus der sprachlichen Mimikry an die flirrende Existenz seines Gegenstandes gewinnt.

Das Ich in Webers märchenhaft halluzinierender Prosa wird auf einer Zugfahrt von allem Geräusch gereinigt, Erinnerungen zumal, bevor es mit ausgespülten Ohren in die Bahnhofswelt taucht. Mit einer mystischen Orgel und einer unsichtbaren Glocke erinnert der Ort an seine sakralen Vorbilder.

Ein Klangkörper ist auch der Text selbst, zum Schwingen gebracht von einer surrealen Fantasie und einer lyrisch-verspielten Sprache, die alle sinnlichen Orientierungen in überbordenden Synästhesien auflöst und neu verknüpft: "Hinter dem Trommelfell sitzt ein Falter, sagt man, der jedes Geräusch empfängt, seine Flügel schimmern läßt, sie sind mit Millionen kleiner Härchen besetzt, an denen die Hörtröpfchen kleben, der ganze Honigpelz ... Ich wünsche mir Lider vor den Höhlen, Wimpern in den Muscheln, Krallen im Ohr, um den Schmetterlingsgarten bei Schrillbissen zu verschließen." Unter dieser aufgemischten Wahrnehmung entfaltet sich das poetische Bahnhofsgebäude, wird Stadt, dehnt sich in archäologische Tiefen, Turm- und Bergeshöhen, Seitenschiffe und Modelllandschaften und entwickelt ein Eigenleben, das halb ans Innere eines Körpers, halb an ein zwischen Sonnenstaat und Medienchaos schillerndes Gemeinwesen erinnert.

Da kümmern sich "Höflinge", die in den Waben eines Schlafbaus wohnen, unsichtbar um das pendelnde Bahnhofspublikum

"Frischlinge" unterstehen ihnen, "Vorständige" bleiben im Hintergrund, Bahnhofsmissionarinnen kümmern sich auf ihren "Sinninseln" um Bedürftige. Märkte und Schwarzmärkte durchdringen einander, hier werden Radios, da Zigaretten, dort Wissen und Worte feilgeboten. Dämmernde, Pufferküsser, gelbe Bahnhofstabletten für offene Fragen, spuckende Pauken, Pilze und Zeitwürfel bilden Personal und Interieur. Die Heizungsanlage des Bahnhofs wird mit Kaffee betrieben, Schallwellen evozieren Wassermassen und Bildschirme Aquarien, in denen man "fischfernsehen" kann und die, wenn sie platzen, die Halle in eine Unterwasserwelt verwandeln. Kurz, Peter Weber nimmt das Bild vom "Stoffwechsel" innerhalb des (Bahnhofs-)Systems wörtlich

er entgrenzt die physischen Elemente, psychische und soziale Zustände, Raum- und Zeitkoordinaten und betreibt ein mutwilliges Verwirrspiel mit den Substanzen, von denen die profane Orientierung zehrt.