Ein seltsamer Ort. Ein seltsamer Nachmittag. Es ist, als säßen wir an einem Küchentisch, wenn wir durch David Almonds Kindheitserinnerungen streifen. Es ist, als säßen wir mit Sternensucher an einem Küchentisch im Kreise von Davids Familie - oder noch besser: wir lägen daneben auf dem Küchenkanapee - und lauschten dem Erzähler.

Die Grenzen zwischen Zeit und Raum verschwimmen. Wo sind wir? Im englischen Bergarbeiterstädtchen Felling nahe Newcastle? In der eigenen Kindheit oder an einem zeitlosen Platz, der auch Jugendlichen von heute nicht fremd ist?

Achtzehn Geschichten breitet der Schriftsteller aus, Wirbelstürme und Randerscheinungen im traditionell katholischen Alltag einer Arbeiterfamilie - Dad, Mam, drei jüngere Schwestern, ein älterer Bruder und David. Eine Schwester ist bereits gestorben, als David neun war, der Vater wird sterben, als der Junge gerade fünfzehn ist.

Alles geschieht in den fünfziger und sechziger Jahren in dieser Mitte der Welt, die Felling heißt und so schon längst nicht mehr existiert. David Almond erinnert sich an Menschen, Orte und Ereignisse auf dem Weg des jungen David durch die Zeit von Welteroberung und Weltschmerz, Entdeckerstolz und tiefster Verwirrung. Das gelingt dem Autor mit einer Inbrunst, die zur sentimentalen Verklärung führen würde, wäre er nicht ein überzeugter Grenzgänger zwischen Realität und Fiktion. Grenzüberschreitungen zwischen Parallelwelten gehören schließlich zur Überlebensstrategie jedes Heranwachsenden, und so ist es keineswegs verwunderlich, wenn bei Almond im Licht der Nachmittagssonne Engelswesen erscheinen oder sich am Küchentisch Verstorbene einfinden, um mit uns Geschichten auszutauschen. "Da war einmal ein kleiner Junge aus der Carlisle Street, der seine Stimme im Schnee verloren hat", beginnt eine dieser wunderbaren Erinnerungen, bei denen es uns völlig egal sein kann, ob sie ein Toter oder ein Lebender erzählt. Wir liegen auf dem Kanapee und lauschen.

Das Erstaunlichste aber ist ein Paradoxon, das uns beim Lesen immer wieder begegnet: Je besser wir uns in die Topografie einer erzählten Landschaft einfühlen können, desto näher kommen wir unseren eigenen erinnerten Landschaften. Die Schrebergärten am Windy Ridge. Der Blick von den Hügeln auf die Stadt. Verfallene Gebäude, Fabrikmauern, überwucherte Gleise. Großvaters Gewächshaus. Vaters bleiches Gesicht. Menschen wie Miss Golightly, Stoker, Jack Law - sie sind Teilchen unserer eigenen Landschaft, auch wenn sie andere Namen tragen und andere Geschichten.

Es ist ein eigenartiger Ort, ein seltsamer Nachmittag. Und keiner kriegt uns hier weg, solange am Tisch erzählt wird.

David Almond: