Wenn es den Deutschen erst schlecht genug geht, wird sich das Land verändern: Diese Hoffnung eint die Modernisierer und Wandelprediger im Land.

Doch sie trügt. Die Volkswirtschaft ist so bewundernswert stark, dass sie Exportrekorde produziert, obwohl der übergewichtige Sozialstaat auf der Arbeit lastet, unternehmerische Geister an der Bürokratie verzweifeln und die Interessenverwalter von Arbeit und Kapital ihre verstaubte Show inszenieren.

Ein paradoxes Land, das sich in seinen strukturellen Widersprüchen verheddert hat: Der Vizeweltmeister des Exports hat im vergangenen Jahr den Handelsüberschuss auf geschätzte 127 Milliarden Euro hochgeschraubt. Seine Ökonomie leistet sich einen gewaltigen Luxus. Sie füttert Millionen Frührentner durch, die noch fähig und teilweise willens wären zu arbeiten.

Sie versorgt ein riesiges Arbeitslosenheer. Und sie kann damit leben, dass die Vermögenden immer weniger Steuern bezahlen. Glückwunsch, Deutschland!

Aber andererseits: Kaum ein Industrieland ist derart wehrlos der kriselnden Weltwirtschaft ausgeliefert. Das Wachstum siecht knapp über der Nulllinie dahin

4,2 Millionen Arbeitslose dürften es im Jahresschnitt werden. Der rot-grüne Finanzplan war schon im Herbst das Schreibpapier nicht wert: Der Staat wird 2003 einmal mehr zum EU-Buhmann, weil er sich mit mehr als drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes verschuldet. Beileid, Deutschland!

Doch die Not ist offensichtlich nicht groß genug. Wie sonst ließe sich erkären, dass Gerhard Schröder als Antwort auf die Einnahmeschwäche des Sozialsystems nichts Besseres einfiel, als die Bemessungsgrenze für die Beitragszahler anzuheben? Getroffen werden vor allem leistungswillige Angestellte, die ohnehin die höchsten Abgaben leisten. Finanzminister Hans Eichel bescherte uns das "Steuervergünstigungsabbaugesetz", das, wie der Name schon vermuten lässt, dem Gesetzesgestrüpp noch ein paar Schlingen hinzufügt.