Die Mühlen der Erkenntnis mahlen langsam. Mehr als ein Jahr nachdem mit dem Kollaps des amerikanischen Energieversorgers Enron eine spektakuläre Welle von Bilanzskandalen begann, fordern hochrangige Ökonomen in den USA jetzt, das eigene Wirtschaftsmodell umzubauen – und von Europa zu lernen.

Erkenntnis Nummer eins: Kurzfristiges Denken, die ständige Hatz nach rekordverdächtigen Quartalszahlen kann ein Unternehmen zugrunde richten. Einsicht Nummer zwei: Der Aufsichtsrat braucht einen unabhängigen Vorsitzenden, der den Chef einer Aktiengesellschaft auch wirksam kontrollieren kann. Und drittens: Ein Bilanzrecht, das seine Regeln aus einigen Grundprinzipien ableitet, eröffnet weniger Hintertüren für Manipulateure als ein Sammelsurium fallweiser Regelungen.

Sensationelle Geistesblitze sind das nicht.

Bemerkenswert ist aber, wer sich diese Ansichten zu Eigen gemacht hat: eine prominent besetzte Kommission des Conference Board, einer Vereinigung amerikanischer Ökonomen. Der Vorsitzende heißt John Snow und ist der designierte Finanzminister. Auch Arthur Levitt, Exchef der Börsenaufsicht SEC, war dabei. Ebenso Andrew Grove, Chairman des Chipherstellers Intel, und Paul Volcker, Vorgänger von Alan Greenspan an der Spitze der amerikanischen Notenbank.

Diese nachdenklichen Vordenker bezeichnen es selbst als einen "Bruch mit amerikanischen Traditionen", wenn sie zur Abkehr vom Modell des allmächtigen Firmenchefs aufrufen, der als Chief Executive Officer (CEO) das Management leitet und in vielen Firmen gleichzeitig als Chairman of the Board seinen eigenen Aufseher verkörpert. Die Idee der Trennung von Führung und Kontrolle, die das deutsche Modell bestimmt, spielt in den USA bisher nur eine untergeordnete Rolle.

Nun wird es sicher noch einmal eine Weile dauern, bis sich amerikanische Unternehmen die Empfehlungen der Experten zu Eigen machen oder bis der Gesetzgeber reagiert, der bisher vor allem seine Tatkraft zur Schau stellte, indem er hohe Gefängnisstrafen für kriminelle Manager einführte. Aber jetzt steht immerhin das ganze System infrage.

Die Umkehr in Amerika gibt auch hiesigen Diskussionen eine Reihe neuer Drehs: Darf Porsche, dessen Chef Wendelin Wiedeking sich beharrlich weigert, Quartalszahlen zu veröffentlichen, bald wieder ins beste Börsensegment? Hätte die Bundesregierung besser daran festgehalten, die kurzfristige Spekulation mit Aktien höher zu besteuern, wie es das Conference Board nun ausdrücklich fordert? Legt Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann seine Ambitionen, zum machtvollen CEO amerikanischer Prägung zu werden, jetzt endgültig ad acta? Deutschland hat das lange überlegen scheinende amerikanische Modell nicht übernommen. In diesem einen Fall darf man sich freuen, dass der Reformgeist ziemlich träge ist – in den USA und in der Bundesrepublik.