Selbst Tony Blair scheint nicht frei von Zweifeln zu sein. Diverse Signale aus London deuten seit kurzem wachsende Vorbehalte gegen den bevorstehenden Irak-Krieg an. Für ihre Arbeit brauchten die UN-Inspektoren "Zeit und Raum", verkündete der britische Premier vergangene Woche. Nicht länger erweckt er den Eindruck großer Eile, fast wirkt es, als hätten sich Blair und der US-Außenminister Colin Powell abgesprochen, den Waffengang gegen Saddam Hussein möglichst lange hinauszuzögern. Der 27. Januar, der Tag, an dem Hans Blix dem Sicherheitsrat der UN seinen Report abliefern wird, sei eine "wichtige Etappe", nicht der "D-Day" (Powell), der Stichtag für die Entscheidung über Krieg und Frieden, heißt es fast deckungsgleich aus 10 Downing Street und State Department.

Befremdlich für Hardliner in Washington muss auch der Befund von Blairs Außenminister Jack Straw klingen, die Wahrscheinlichkeit eines Krieges am Golf habe sich auf 40:60 verringert. Straw, stets loyaler Gefolgsmann des Premiers, agiert in aller Regel so farblos, dass böse Zungen schon mal die Frage aufwerfen, ob Blair denn überhaupt einen Außenminister benötige. Mit seiner Äußerung durfte sich der Minister aus dem Fenster lehnen und die Amerikaner ein bisschen irritieren. Währenddessen vollzieht sich der Aufmarsch der britischen Truppen am Golf (insgesamt werden 30000 Mann abkommandiert) gerade noch in einem Zeitrahmen, der militärische Aktionen im Frühjahr erlauben würde, ehe die irakische Sommerhitze einkehrt.

Die veränderte Stimmungslage in London macht Kriegsgegnern in der Regierung Mut. "Undenkbar" sei eine Mitwirkung britischer Truppen ohne ein ausdrückliches Mandat der UN, verkündete etwa Claire Short. Die Entwicklungsministerin sprach vielen ihrer Kollegen aus der Seele. Minister und Abgeordnete der Labour Party fürchten das "Albtraumszenario": das Team von Hans Blix findet keine smoking gun, die Verstöße Bagdads lassen sich nicht überzeugend als Verletzung der UN-Resolution 1441 interpretieren, Europa sperrt sich, an eine zweite einstimmige Resolution des Sicherheitsrates ist nicht zu denken, woraufhin Amerika die lästigen Fesseln des diplomatischen Prozesses abstreift, in den Krieg zieht – und fest auf britische Hilfe baut. Militärisch mag solche Hilfe nicht notwendig sein, doch selbst eine Megamacht handelt lieber nicht im Alleingang. Was wird Tony Blair dann tun?

Der Premier kennt den Widerstand in den eigenen Reihen. Mit Sicherheit würden einige Kabinettsmitglieder zurücktreten, schickte er Truppen ohne UN-Mandat in den Krieg. In Partei und Fraktion bräche ein Sturm los, wie Blair ihn in seiner Laufbahn noch nicht zu überstehen hatte; Kirchen, Gewerkschaften, britische Muslime und ein Gutteil der Medien würden Front machen gegen den "Kriegspremier". Zudem signalisieren Umfragen, dass die Öffentlichkeit keinen Waffengang gegen Saddam Hussein will. Der Irak werde Blairs "Sues", flüstern seine Widersacher und spielen auf das abrupte Ende Anthony Edens nach der missglückten Intervention gegen Nassers Ägypten an. In Blairs Labour Party sitzt die schärfste Opposition gegen einen neuen Golf-Krieg.

Doch allem Anschein nach wird der britische Regierungschef, wenn es zum Schwur kommt, den amerikanischen Freund nicht allein lassen. Daran werden ihn weder ein widerstrebendes Europa noch seine eigene Partei hindern.

Die special relationship, die von Blair immer wieder betonte Wertegemeinschaft zwischen Großbritannien und den USA, ist emotionale, militärische und politische Realität, was immer Kritiker im In- und Ausland sagen mögen. Der britische Juniorpartner hält es für seine Aufgabe, die mächtige Supermacht, die oftmals ungeschliffen und kurzatmig operiert, solidarisch und zugleich kritisch zu begleiten. Niemand in der westlichen Welt, so Blair, dürfe bei allem Ärger über Amerika vergessen, dass es genau wie Europa für Freiheit, Demokratie und Recht stehe. Deshalb mahnt der Premierminister die Bush-Regierung, nicht nur Solidarität einzufordern, sondern auch die Argumente der Verbündeten ernst zu nehmen. So bedeutsam und unvermeidlich der Kampf gegen den Terror und die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen sei, auf die politische Agenda müssten jetzt ebenso globale Armut und der Klimawandel.

Besonders frustriert ist der Brite über die mangelnde Bereitschaft der Bush-Regierung, die politische Flanke in der islamischen Welt abzusichern. Ein Regimewechsel im Irak gehe aus britischer Sicht einher mit einer neuen Palästina-Initiative sowie massivem Druck auf Israel. Deshalb fand diese Woche in London demonstrativ eine Palästina-Konferenz statt, obwohl Scharon den palästinensischen Delegierten die Ausreise verweigert hatte. Sie wurden telefonisch zugeschaltet.

Um die Öffentlichkeit zu überzeugen und das Etikett des "willfährigen Pudels" von George Bush zu widerlegen, das seine Gegner ihm aufdrücken, betont Blair, er würde britische Soldaten "niemals" in einen Krieg schicken, den er für "falsch oder unnötig" halte. Großbritannien werde gegen Saddam Hussein auf jeden Fall mit einem moralischen Imperativ zu Felde ziehen – auch wenn am Ende nur die USA die militärischen Muskeln besäßen, um den Akt auszuführen.