Der Sinn der Zeit

hrgs. v. E. Angehrn, Ch. Iber und R. Pocai

Velbrück Wissenschaft Verlag, Weilerswist 2002

367 S., 35,- e

Der Berliner Philosoph Michael Theunissen hat die Wendung vom "Leiden unter der Herrschaft der Zeit" geprägt, das in der Auslieferung des Menschen an die Übermacht zeitlicher Prozesse besteht. Besonders in Erfahrungen der Langeweile oder Melancholie vollzieht sich eine Sinnentleerung des Daseins, die gelingendes Leben verhindert. Der "Sinn der Zeit" steht im Zentrum eines Bandes, der kürzlich zu Theunissens 70. Geburtstag erschienen ist. Zahlreiche prominente Autoren von Dieter Henrich über Jürgen Moltmann und Günter Figal bis zu Karl Heinz Bohrer befassen sich auf eindrucksvolle Weise mit Theunissens negativer Zeitphilosophie und gewinnen ihr neue Aspekte ab. Die Beiträge machen deutlich, dass das Geschehen der Zeit in sich selbst Auswege enthält, die durch den Glauben an einen gewährenden Gott, die sinnvolle Ordnung des Universums oder die Hingabe an den erfüllten Augenblick eröffnet werden können. Glücklicherweise gibt es nicht nur eine, sondern viele Zeitwelten, in denen der Mensch lebt, sodass er zur entfremdeten Zeit auf Abstand gehen kann, indem er sich in einen anderen Zeithorizont hineinstellt.

Diese "Wende der Zeit in ihr selbst" trägt zweifellos metaphysische Züge.

Dass ein Leben in der Zeit nur möglich ist, wenn es auf die Ewigkeit, den Tod und das permanente Vergehen der Gegenwart bezogen wird, war die Erkenntnis der philosophischen Tradition, die am Beispiel von Heraklit und Plotin, Hölderlin und Hegel zu Wort kommt: Der Sinn der Zeit ist die Erfahrung ihrer Unverfügbarkeit, von der sich der Mensch nur durch deren Anerkennung befreien kann.