Gerüchte kommen und gehen, eine Frage bleibt: Wie soll man sich als Gegenstand mehr oder weniger aus der Luft gegriffener Behauptungen verhalten? Der wahrheitsliebende Ethikrat ist dem Gerücht als solchem einmal nachgegangen.

Das Wort "Gerücht" stammt aus dem Mittelniederdeutschen. Sein Wortstamm führt auf ein Verbalabstraktum von "rufen" zurück: gerüefete . Zunächst bezeichnete Gerücht tatsächlich das auch rechtlich bedeutungsvolle öffentliche Geschrei über eine Untat.

Gerüchte, das wissen wir heute, werden in Gerüchteküchen gebraut. Die Ingredienzien sind Missgunst, Fehlinformation, Vorurteil und Wunschdenken, manchmal auch geplante Bosheit. Die Ziele sind jene, denen man’s zutraut. Opfer werden dann aber alle, denen am guten Ruf der Ziele etwas liegt – beispielsweise die Ehefrau eines Mannes, dem ein heimliches Verhältnis nachgesagt wird.

Die amerikanischen Gerüchteforscher Allport und Postman zeigten 1945 ihren Versuchspersonen ein Bild, auf dem zwei Männer zu sehen waren: ein Dunkelhäutiger und ein Weißer, in freundschaftlichem Gespräch dargestellt. Der Weiße hielt ein Rasiermesser in der Hand. Die Beobachter sollten in einer Kette mündlicher Überlieferungen den Inhalt des Bildes wiedergeben. Binnen kurzem wurde aus dem weitergetratschten Bericht folgende Szene: "Ein Schwarzer, der einen Weißen mit einem Rasiermesser bedroht." Gerüchte verschärfen und nivellieren die Realität; sie passen sie an Vorurteile an und werden so zum niedrigsten gemeinsamen Nenner sozialer Gruppen. Sie stützen Ressentiments, trüben die Orientierung – und werden gern geglaubt.

Um den blinden Größenwahn orientalischer Despoten zu verdeutlichen, wird ihnen manchmal unterstellt, sie ließen jene köpfen, welche ihnen eine schlechte Nachricht überbringen. Wir im Westen bilden uns ein, über solche primitive Rachsucht erhaben zu sein. Niemals würde es unser Gerechtigkeitsempfinden zulassen, einen Boten für seine Botschaft zu bestrafen. So glauben wir. Bis wir zum ersten Mal das Opfer eines Gerüchts werden. Was das Gerüchteopfer in hilflose Wut versetzt, ist die Tatsache, dass es in seiner Beschämung allein ist und kein Feind greifbar. Andere Opfer finden vielleicht einen Täter, den sie bestrafen, wenigstens verfluchen, andererseits auch befragen und verstehen können. Das Opfer eines Gerüchtes hingegen findet immer nur Boten, die sich – zur Rede gestellt oder gar verklagt – selbst als Opfer aufführen, haben sie doch nichts anderes getan, als eine Geschichte weiterzugeben. Sie haben sich nichts dabei gedacht. Sie haben es eigentlich auch nicht geglaubt. Aber es hätte doch etwas dran sein können! Erzählt hat es schließlich jemand, der sonst glaubwürdig, der keineswegs unkritisch ist. Er hat es im Vertrauen erzählt. Und er hat gesagt, dass seine unbekannte Quelle ganz nahe an der Wahrheit entsprungen ist.

Im alten Rom war "Fama" das Wort für den Ruhm und das Gerücht. Beiden sagt Vergil nach, dass sie im Voranschreiten wachsen. "Klein ist sie (die Fama) bei der ersten Bewegung, dann erhebt sie sich in die Lüfte empor und schreitet fest auf dem Boden, während sie das Haupt in den Wolken verbirgt."