Der Elektromonteur Eberhard Wolter ist ein stolzer Familienvater. Er hat fünf Kinder und eine tüchtige Frau. Wie hoch ist Ihre Rente?, fragt der Richter den 46-Jährigen. Das weiß meine Frau, die kriegt auch mehr Geld als ich, sie leitet eine Station für Süchtige, antwortet Herr Wolter, als sei es sein Verdienst, dass die Frau gut verdient. Er ist der Typ Mann, bei dem die Natur das Stadium des Erwachsenseins übergangen zu haben scheint. Vor Gericht steht ein alter Junge mit Bierbauch, in ausgewaschenen Jeans, die sich auf gefütterten Winterstiefeln stauchen. Er möchte unbedingt einen guten Eindruck machen, einen reuigen Sünder darstellen. Die Tat kam erst vor kurzem ans Licht; 16 Jahre lang hatte sie die Seele seines Kindes verdunkelt.

Frau Wolter und zwei erwachsene Töchter begleiten den Angeklagten zur Verhandlung, sie könnten als Zeugen gebraucht werden. Das erübrigt sich, Wolter gesteht, "sexuelle Handlungen an einem Menschen unter 16 Jahren vorgenommen zu haben". Auf dem Wohnzimmersofa verging sich der betrunkene Vater an der kleinen Cynthia, seiner zehnjährigen Tochter. Er schubste sie hin, setzte sich auf sie und missbrauchte sie. War das so, Herr Wolter?, will der Richter wissen. Wenn mein Kind das sagt, dann stimmt es, meine Kinder lügen nicht, so habe ich sie nicht erzogen, dass sie nicht die Wahrheit sagen, bramarbasiert der Angeklagte, so wird Vaterstolz zur Fratze.

Die Familie hat auf der Zuschauerbank Platz genommen.

Beim Anblick der Ehefrau mit den wachen blauen Augen fragt man sich, was um alles in der Welt diese Frau zu der traurigen Gestalt von Mann getrieben hat. Und wie die beiden Töchter, zeitgeistgestylte Wesen, die eine hochblond, die andere tiefschwarz, mit diesem Vater leben können, ohne gründliche Verachtung, gnadenlose Gleichgültigkeit. Sie haben ihn nach allem, was gewesen ist, wieder in die Familie aufgenommen, denn Papa hat Krebs; wie elastisch sind doch Blutsbande, wie widersprüchlich ist doch Menschlichkeit.

Weil er so schön geständig ist und schwer krank und alles so lange her, geht das Gericht milde um mit dem Kinderschänder. Hatten Sie schon immer Alkoholprobleme? erkundigt sich freundlich der Richter. Ja – Wolter wittert Morgenluft –, das fing beim Fernsehen an, da war ich Beleuchter. Plötzlich wird aus dem schuldbewussten Schleimer ein leutseliger Angeber. Er schwärmt vom DDR-Fernsehen: Da wurde ordentlich gesoffen, auf Staatskosten! Hoho, hoho, prahlt Wolter, das waren Zeiten, da haben wir alles bezahlt gekriegt, Interhotels, dicke Tagegelder, da haben wir gelebt, ausschweifend gelebt! Und was er nach der Wende alles gedreht hat als Kamera-Assi. Runder Tisch und Sandmännchen: Jede Bewegung wurde einzeln fotografiert, alles per Hand!

Weil er seiner Familie ersparte, als Zeugen aufzutreten, und alles zugab, ohne sich rauszureden, weil er unter Alkohol stand, als er vor 16 Jahren "die unerquickliche Tat" begang, wird der stolze Familienvater wegen sexueller Nötigung zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten verurteilt. Auf Bewährung. Nehme Urteil an, verkündet der Angeklagte aufgekratzt.

Die Familie steht auf dem Flur noch ein bisschen beieinander und raucht. Man spricht über die Schwiegereltern, den bevorstehenden Geburtstag von Cynthia, das neue Auto – die ganz normalen Familienangelegenheiten eben, jenseits des Abgrunds. Die blonde Tochter geht auf ihren Vater zu und gibt ihm die Hand: Gratulation, Papa!