Premià de Dalt sieht aus wie irgendein Feriendorf an der spanischen Küste: Villen hinter Mauern, Häuschen mit Palmen davor, gut gewaschene Autos in den Einfahrten. Alles sehr sauber, sehr geplant, sehr wohlhabend. Aber in Premià de Dalt wohnen die Menschen nicht nur zur Sommerfrische oder am Wochenende. Hierher zieht, wem es in Barcelona zu eng und zu laut geworden ist. Es sind ja nur 21 Kilometer bis zur Plaça de Catalunya – eine halbe Stunde auf der Küstenautobahn.

Die junge Frau, die um halb zehn Uhr vormittags barfuß vor einem Reihenhaus am Carrer Agudes steht, sieht aus wie eine Schülerin, die verschlafen hat: ungeschminkt, unfrisiert, sehr klein, sehr zerbrechlich und sehr überrascht. "Habt ihr mein Fax nicht gekriegt? Ihr solltet doch erst später kommen!"

Mit beiden Händen hält sie den dunklen, grün-roten Frotteebademantel über der Brust zusammen. Dann bittet sie ihre Besucher doch noch ins Haus. Sie führt sie in die Küche, zeigt ihnen, wo Wasserkessel und Teekanne stehen. Und auf welchen Teller sie die Croissants legen sollen, die sie mitgebracht haben. Dann verschwindet sie in der Dusche. "Ganz kurz!"

Araceli Segarra hat nicht verschlafen. Sie ist schon seit drei Stunden wach. Sie ist heute, wie jeden Tag um diese Zeit, schon 50 Kilometer Mountainbike gefahren. Gerade erst ist sie vom Training zurückgekommen.

Araceli Segarra ist auch keine Schülerin, sondern Profisportlerin und Profi-Model. So jemand verschläft nicht. Und lässt Journalisten auch ins Haus, wenn sie früher da sind als erwartet. Araceli Segarra ist Extrembergsteigerin. So jemand ist zäh. So jemand behält sein Ziel im Auge und marschiert weiter, auch über Wegstrecken, die nicht so interessant sind. Sondern nur anstrengend und langweilig.

Und so jemand rappelt sich immer wieder auf, wenn er gestolpert ist. Kennt den Gipfel zwar nur von weitem, aber glaubt fest daran, dass er irgendwann dort oben stehen wird.

Araceli Segarra zum Beispiel hat sich vorgenommen, einmal die erste Frau der Welt zu sein, die auf den drei höchsten Bergen war: dem Mount Everest (8848 Meter), dem K2 (8611Meter) und dem Kangchenjunga (8598 Meter). Den Everest, immerhin, hat sie schon geschafft. Als erste Spanierin, beim zweiten Versuch. Das war vor sechseinhalb Jahren, am 23. Mai 1996. Seither war sie auf keinem Achttausender mehr. 2001 ist sie am Kangchenjunga gescheitert, 2000 und im vergangenen Sommer am K2. Trotzdem glaubt sie an ihr Projekt "Top 3".