Ein 17-Jähriger sitzt da in der Ankleide und sieht aus wie ein aufgedrehtes Kind, das Chef spielt. Er sitzt an einem Schreibtisch und redet, lacht, kreischt in den Telefonhörer. Er wackelt mit seinen Füßen, die in orangenfarbenen Turnschuhen der Größe 39 stecken. Die Beine unter der Tischplatte in lila-blau-weiß gestreiften Jeans, den schmalen Oberkörper in einem ärmellosen Batikshirt, die braunen Haare zum Pferdeschwanz gebunden. Daniel Küblböck hält Telefonaudienz. Er gibt ein Interview nach dem anderen. Alle wollen mit dem Niederbayern sprechen – mit ihm, der kürzlich noch in einer Berufsschule für Kinderpflege Babywickeln lernte und jetzt in einer der Garderoben auf dem Studiogelände der Magic Media Company in Köln-Ossendorf sitzt. Ach was: thront.

Daniel – wir verzichten von nun an auf das "Küblböck", weil es nicht mehr in die Szenerie passt, in der er sich bewegt – Daniel also ist ein so genannter Medienheld. Nicht nur, weil er es in das Finale der RTL-Talentshow Deutschland sucht den Superstar geschafft und inzwischen 10077 Mitbewerber hinter sich gelassen hat. Daniel ist zum Superstar der Superstar- Sendung geworden – zumindest, wenn man sich den aufgeregten Sprachgebrauch des Senders aneignet. Vorsichtiger ausgedrückt, müsste es wohl heißen: Daniel ist zu einem öffentlichen Gut geworden. Über ihn wird am meisten geredet, berichtet, am hitzigsten diskutiert. Er ist der Irre aus der Kleinstadt Eggenfelden, den jeder mal gesehen haben muss, der im Büro mitreden möchte. Die Quoten, die irgendwie auch Daniels Quoten sind, steigen. Die erste Sendung im November vergangenen Jahres sahen knapp vier Millionen Menschen, am vergangenen Wochenende schalteten mehr als sieben Millionen ein.

Und Daniel gab ihnen am vorigen Samstagabend wieder einmal eine Vorstellung davon, wie er sich gute Unterhaltung vorstellt. Rannte die Showtreppe hinauf, sprang hinab, jagte über die Bühne und verwandelte nebenbei den Song Tragedy aus dem Musical Saturday Night Fever in etwas, was er "Daniel-Musik" nennt. Was er meint: Aus seinem Mund klingen auch bekannte Hits so, als wären sie eigens für ihn geschrieben worden. Das liegt an seiner eigenartigen Stimme, die sich anhört, als hätte er sie in einer alten Jukebox gefunden und einfach mitgenommen. Wer ihm wohlgesonnen ist, kann ihm eine unverwechselbare Stimme attestieren. Manche finden allerdings, dass Daniel quäkt. Mehr nicht. Sie fühlen sich an Donald Duck erinnert – oder, wie das Jury-Mitglied Dieter Bohlen sagt, "positiv" an Kermit. Beide immerhin Figuren, die nicht nur von Kindern geliebt werden.

Bohlen will sich aber von diesem Daniel einfach nicht vollends hinreißen lassen. "Ich liebe dich dafür, dass du den Leuten so viel Spaß bringst", kommentierte er dessen Tragedy- Auftritt. Und wies dann darauf hin, dass bei der Superstar- Show nicht der beste Komödiant, sondern der beste Sänger gesucht werde. Im Publikum denken einige Menschen genau so, in einer der ersten Sendungen buhten sie ihn aus. Auch in den Internet-Foren finden sich nicht nur Liebeserklärungen, sondern Beleidigungen aller Art. Von "Spinner" bis zum "schwulen Asi". Daniel beherrscht die Kunst, zu polarisieren.

Es ist wohl so, dass diese Kunst aus kindlicher Not geboren wurde. Daniel sagt, er sei ein ruhiges Kind gewesen, das mit Barbiepuppen spielte. "Meine Mutter hat sich immer ein Mädchen gewünscht." Stattdessen bekam sie einen Sohn, der heute ungefragt von seiner Bisexualität erzählt, auch davon, dass seine Eltern geschieden sind, seine Mutter Frisörin ist, "Männer mag" und "immer umzieht, wenn Probleme auftauchen". Achtmal wechselte Daniel die Schule, mit 16 zerstritt er sich mit seiner Mutter und zog in eine eigene Wohnung. Zu seinem Vater, einem Kfz-Meister, wollte er nicht. "Ich bin ein starker Einzelkämpfer", sagt er.

Vor ein paar Jahren sang er mit Freunden im Stadtpark

Für einen wie ihn war es nicht leicht, in der bayerischen Provinz aufzuwachsen und eine Hauptschule zu besuchen. "Ich war lange nicht richtig akzeptiert", sagt Daniel, der immer anders als andere Jungen war und dieses Anderssein schließlich kultivierte. Er legte sich eine eckige Hornbrille, Secondhandklamotten und einen Esoterik-Tick zu. Er schminkte sein Mädchengesicht, in dem die buschigen Augenbrauen so fremd wirken, und suchte sich Freunde, die genauso "anders" waren wie er. Mit ihnen musizierte er im Stadtpark, sang, spielte Gitarre. Die Freunde waren begeistert und in der 9. Klasse endlich auch seine Mitschüler. Bei der Weihnachtsfeier seiner Schule durfte er Last Christmas von George Michael aufführen. Das Publikum soll getobt haben. Im Juli vergangenen Jahres sah Daniel dann mit einer Freundin im Fernsehen den Aufruf zu "Deutschland sucht den Superstar". Sie riet Daniel, sich zu bewerben. Und Daniel, der nie Gesangsstunden genommen hatte, bewarb sich. Jetzt kämpft er jeden Samstag in einem Studio in Köln-Ossendorf um die Anerkennung der ganzen Nation und damit weiterhin um die Aufmerksamkeit derer, die sie ihm früher verwehrten.