Von der Terrasse meines Lagunenbungalows aus habe ich ein Foto geknipst: Ein menschenleerer weißer Korallenstrand ist darauf zu sehen, schwimmbadblaues Wasser, das sanft gekräuselt den Sand umspült, und ein Palmenhain, in dem zwischen zwei windschiefen Stämmen eine Hängematte baumelt. Ein echter Südseesehnsuchtsschnappschuss. So sieht es wirklich aus auf dem einsamen Palmeneiland am Saumriff der Insel Tahaa, auf dem wir zu Gast waren. Man hätte auch am anderen Ende der kleinen Insel den rot flammenden tropischen Sonnenuntergang neben der Märchensilhouette von Bora Bora fotografieren können oder mit einer Unterwasserkamera den hauseigenen Korallengarten, in dem sich in Schwärmen die bunten Fische tummeln. An Traummotiven herrscht hier kein Mangel. Aber sind solche Bilder nicht immer auch grässliche Klischees? Fototapetenkitsch? Trugbilder kollektiver Fernwehfantasien? Man braucht die Fotografien eigentlich niemandem mehr zu zeigen, jeder hat sie sowieso vor Augen. An keinem anderen Ort der Welt überlagern sich Wirklichkeit, Abbild und Traumbild so ununterscheidbar wie in der Südsee. Ein Stichwort genügt – und schon kommt Licht hinter die Dias im Kopf.

Seltsam, wenn man sich plötzlich in einer solchen Fata Morgana des Urlaubsglücks wiederfindet. Man fühlt sich wie ausgeschnitten aus dem tatsächlichen Leben und eingeklebt in einen Hochglanzprospekt. Der Sand unter den Füßen und die leichte Meeresbrise auf der Haut, das kristalline Sonnenlicht und der Schatten der Palmenblätter sind zwar echt, aber man glaubt trotzdem scharfe Kleberänder zwischen sich und der Welt zu spüren. Einmal haben uns die Hotelangestellten mit dem Boot zu einem ganztägigen Picknick auf ein Laguneninselchen gefahren, das kaum größer war als ein Kinderspielplatz. Mit Harpunen fingen sie Einhornfische für uns und grillten sie im Sand über dem offenen Feuer. Die Haifische, die uns umkreisten, waren harmlos. Wir saßen unter einem provisorischen Palmblätterdach, aßen frische Ananas und Papayas, tranken gekühlte Kokosnussmilch. Und keiner kam, um die Dreharbeiten für den Bacardi-Werbespot für beendet zu erklären.

Das war vor der Insel Fakarava. Sie gehört zum Tuamotu-Archipel, einer 20000 Quadratkilometer großen Wasserfläche, die mit 76 Inseln und Atollen gesprenkelt ist, darunter das Mururoa-Atoll, auf dem die Franzosen ihre Atombomben getestet haben. Fakarava sieht aus wie eine lange, schmale Nadel aus weißem Muschelkalk, die ans türkisfarbene Meer geheftet ist. Man reist mit dem Propellerflugzeug an, das Flughafengebäude hat den Charme eines dörflichen Feuerwehrhauses. Auf der einen Seite dösen die Einheimischen auf Plastikstühlen vor einer kleinen Getränketheke, auf der anderen Seite werden die Koffer auf ein verbeultes Blechregal geworfen. Der Mini-Truck, der die Reisenden zum einzigen (sehr komfortablen) Hotel der Insel bringt, holpert über eine Sandpiste, vorbei an flach zwischen die Palmen gebauten bröckeligen Steinhäusern: Rotoava, einem 300-Seelen-Ort, dem einzigen auf der Insel.

Atolle sind staubtrocken. Trinkwasser kam früher nur aus der Zisterne und stammt heute (vor allem in den Hotels) aus Meerwasserentsalzungsanlagen. Zu den Palmen, so steht es in alten Seefahrerberichten, habe man einst bei der Pflanzung einen trockenen Schiffszwieback und einen rostigen Nagel in den Boden gesteckt, damit sie besser wachsen. Das Juwel auf Fakarava ist die Lagune – bis an den Horizont reicht sie. Von der Brandung, die sich weit draußen an der Riffkante bricht, ist nicht einmal mehr ein leises Grollen zu hören, wie auf den meisten anderen Inseln. Eine große Trägheit geht deshalb von dem glatten Binnenwasser aus. Nur in schwachen, fast geräuschlosen Kontraktionen bewegt es sich. Und der Lebensrhythmus des Menschen wird hier unweigerlich löchrig und porös wie die ausgebleichten Schneckenmuscheln, die am Strand herumliegen. Man verfällt ins Phlegma der Tropen, getragen allerdings von einer rätselhaften Dauerhochstimmung.

Der Gesang zieht sich dahin wie Sirupschlieren

Es ist eine Kombination aus grundloser Daseinssüße und einem verschwenderischen Umgang mit Zeit, die sehr schön korrespondiert mit der polynesischen Alltagspopmusik, die überall im Radio und aus den Lautsprechern in Flugzeugen und Bars erklingt. In einem leiernden Sonnenschein-Dur geht sie dahin, ohne markante rhythmische Strukturen, ohne das Temperament südamerikanischer und ohne die Grobkörnigkeit australischer Musik. Sanftmütig säuselnd dreht sie ihre Endlosschleifen, als hätte man den Interpreten vor jeder Aufnahme hoch wirksame Glückspillen verabreicht. Ganz altmodisch sind die Lieder arrangiert, wie deutsche Schlager aus den sechziger Jahren in einer rosaroten Grundfarbe, die dem Pop andernorts schon lange abhanden gekommen ist. In der polynesischen Sprache gibt es die Eigenart, die harten Konsonanten einfach wegzulassen und die weichen Vokale frei fließend aneinander zu reihen, der Gesang zieht sich daher wie Sirupschlieren. Und obwohl man die Texte nicht versteht, ahnt man, wovon sie allesamt handeln – vom Lächeln der Frauen und von der Schönheit der Natur. Die Insulaner scheinen solche rund gelutschte Idyllik zu lieben. Die Südsee als Paradiesdrops mit leicht chemischem Ananasgeschmack. Noch so ein Klischee, das dem Touristen hier begegnet. Oder ist das wieder nur der Blick des Europäers, dem der monotone Gleichklang des Insellebens so fremd ist, dass er ihn sofort als unwirklich empfinden muss?

Projektionsfläche zivilisationsgeschädigter Europäer ist die Südsee schließlich von jeher. Die ersten Seefahrer, die vor Tahiti ankerten, Samuel Wallis, Louis Antoine de Bougainville oder James Cook, glaubten den Garten Eden entdeckt zu haben. Schwärmerische Berichte über die freie Liebe und das glückselige Leben der Eingeborenen in einer überquellend fruchtbaren Natur animierten die Utopisten in der Alten Welt, die fernen Inseln zum Ort der Verheißung zu verklären. Dichter wie Robert Louis Stevenson, Herman Melville oder Jack London haben den Mythos literarisch befeuert, Gauguin mit seiner Malerei sowieso. Gleichzeitig wurde die Mitte des 18. Jahrhunderts entdeckte archaische Gesellschaft der Ureinwohner in einem atemberaubenden Tempo durch die Mangel einer brutalen Zwangsmodernisierung gedreht, sodass die Diskrepanz zwischen europäischer Südsee-Imago und polynesischer Wirklichkeit immer größer wurde.