Der amerikanische Aufmarsch im Nahen Osten scheint die Region auf den Kopf zu stellen, noch bevor der erste Schuss abgefeuert ist. Ein Indiz dafür ist die ungewöhnliche Reise in arabische Staaten und den Iran, die der türkische Regierungschef Abdullah Gül in dieser Woche beendet hat.

Während sein Außenhandelsminister nach Bagdad flog, fuhr Gül nach Kairo, Amman, Teheran und pilgerte danach weiter ins saudische Riad. Zuvor war er in Damaskus, der Hauptstadt des einstigen Erzfeindes Syrien, gewesen. Vorwürfe wegen der guten Beziehungen der Türkei zu Israel bekam Gül nicht zu hören. Im Gegenteil, man war sich vollkommen einig. In Damaskus verbeugte sich Gül vor dem Grab des legendären islamischen Herrschers Saladin, der im 12. Jahrhundert Jerusalem einnahm. Es ist die heraufziehende Eroberung Bagdads durch amerikanische Truppen, welche die muslimischen Führer zusammenrücken lässt. Ein Krieg gegen den Irak, sagen sie, wäre eine Katastrophe für die Region.

Angriff auf die Araber insgesamt

Der Nahe Osten, vor zehn Jahren für die Amerikaner noch voller Verbündeter, macht rhetorisch gegen die Vormacht mobil. Die Botschaft aus den arabischen Straßen ist unmissverständlich: In Ägypten vergeht kein Tag, ohne dass Studenten an den großen Kairoer Universitäten gegen Washington und den "Weltzionismus" demonstrieren. In Jordaniens Bevölkerung kocht seit langem die Wut über Amerika, dem viele Jordanier eine einseitige proisraelische und anti-arabische Politik vorwerfen. Und in Saudi-Arabien, wo das Demonstrieren keineswegs zum Alltag gehört, lassen die harschen Äußerungen einiger Intellektueller zumindest ahnen, wie hasserfüllt weniger gebildete Menschen denken müssen.

Ein Krieg gegen den Irak würde in den arabischen Ländern als Angriff auf die Araber insgesamt empfunden. Besonders unangenehm für Washington ist, dass fast 90 Prozent der Türken, die man bislang als sichere Verbündete verbucht hatte, den Krieg ablehnen. Nur noch 30 Prozent des türkischen Volks bringen Amerika Sympathie entgegen; vor einem Jahr waren es über 50 Prozent.

Der Zorn der Massen im Vorderen Orient stellt ihre Führungen vor große Probleme. Für die im November gewählte türkische Regierung etwa sind Truppenaufmarsch und drohender Irak-Krieg die erste große Bewährungsprobe. Seit Montag inspizieren 150 US-Spezialisten türkische Militärbasen. Da die muslimisch-konservative AKP unter ihrem populären Vorsitzenden Tayyip Erdogan allein regiert, trägt sie allein auch die volle Verantwortung. Deshalb warb der arabisch sprechende Regierungschef Gül bei den Nachbarn um Verständnis und Gemeinsamkeiten; und deshalb warten die immer nervöser werdenden Amerikaner immer noch auf grünes Licht aus Ankara, um türkische Häfen und Flugplätze für ihre Truppen auszubauen.

Wenn es darum geht, den Krieg zu verhindern, marschiert das türkische Militär an vorderster Front. Generalstabschef Hilmi Özkök verkündet, er habe noch von niemandem in der Türkei gehört: "Lasst uns Krieg mit dem Irak anfangen." Die Generäle treibt vor allem die Sorge um, dass der Irak bei einem amerikanischen Angriff zerfallen könnte und die Kurden im Norden einen eigenen Staat gründen. Doch die Armee hat vorgesorgt. Mittlerweile seien 12000 türkische Truppen im Nordirak stationiert, um im Zweifelsfall "die Lage zu stabilisieren", wie es aus Ankara heißt. Türkische Soldaten patrouillieren bereits jenseits der türkisch-irakischen Grenze, seit sie in den neunziger Jahren dort PKK-Rebellen jagen.

Schecks aus Washington