Zeitlebens habe ich mir Ziele gesetzt. Dinge, von denen ich dachte: Es wird schwierig, aber ich versuche es. Das ist wahrscheinlich die deutsche, willensbestimmte Seite meiner Mutter. Sie war mein größter Fan und bester Freund. Manche Leute haben das so interpretiert, als hätte ich ihren Traum erfüllt. Das stimmt nicht. Ich habe gesungen, weil ich die Musik liebte.

Vieles aber habe ich bestimmt vor allem für meine Mutter getan: Ich war damals nach Paris gegangen und hatte meine erste Single aufgenommen. Erfolglos. Ich war enttäuscht und zweifelte an mir. Dann wurde meine Mutter krank. Es wurde ein drei Jahre dauernder Kampf mit dem Krebs. Sie sagte: "Mein letzter Wunsch ist es, deinen großen Erfolg zu sehen."

Ich habe alles darangesetzt. Alles, was möglich war. Außer mit jemandem zu schlafen, aber sonst – alles: Ich habe jedes Interview gegeben, bin zu jedem Radiosender gegangen, habe den Redakteuren meine Platte persönlich in die Hand gedrückt und ihnen gesagt, dass sie sie spielen sollen. Der nahende Tod meiner Mutter hat mir diese Motivation gegeben. Ich konnte ihren Wunsch erfüllen. Sie hat mich im Fernsehen gesehen, als sie im Krankenhaus lag. Sie hat sogar noch zwei, drei meiner Hits mitbekommen.

Aber danach? Ich war ein Mutterkind. Ich war so unselbstständig. Und plötzlich allein. Ich bin über ein Jahr auf Tournee gegangen, um das zu vergessen. So lange, bis alles an mir müde war. Meine Stimme, mein Körper, alles. Und doch fragte ich mich weiterhin bei jeder Entscheidung: Wie hätte sie es gemacht? Es hat fünf, sechs Jahre gedauert, bis ich darüber nachdachte, was mir selbst gefallen würde. Ich musste mich neu kennen lernen, weil ich vom Teenager zur Frau geworden war, aber weiterhin im Kopf hatte, wie meine Mutter denken würde.

Es gibt ein Foto, an das ich mich oft erinnere. Darauf bin ich neun oder zehn Jahre alt. Meine Familie steht um den Weihnachtsbaum. Wir haben Rindfleischsuppe und Truthahn gegessen, wir haben gewartet und gesungen. Wir sind alle noch sehr jung. Meine Brüder mit ihren Freundinnen – damals hatten sie noch keine Kinder. Es war ein so unbeschwertes Fest. Ich wünschte, ich könnte das noch einmal erleben.

Ich kann mich noch gut an die beige-braun karierte Hose und den hellblauen Pullover erinnern, den ich auf dem Bild trage. Auch den Geschmack der Süßigkeiten werde ich nie vergessen. Ich habe insgesamt zwölf Jahre in Paris gelebt. Meine Schwester hat mir immer einen Korb gepackt mit all den Sachen, die ich dort nicht finden konnte: den Dominosteinen und Marzipankartoffeln von Aldi. Natürlich gibt es in Paris wunderbare Schokoladen, aber das waren nicht die, die ich kannte.

Mein Elternhaus war sieben Hausnummern von der deutschen Grenze entfernt. Wir wohnten in der Rue Général Leclerc Nummer 42. Die 49 war die letzte Nummer in der Straße. Dann kam ein großer Zaun. Dahinter lag ein Wald. Das war Deutschland. Da habe ich früher oft gespielt. Denn der Zaun hatte Löcher. Da krabbelten wir durch und sagten: "Huch, jetzt sind wir in Deutschland." Am Ende der Straße, hinten links, gab es einen Platz, wo die Männer Boule spielten; auch mein Vater. Und da war ein kleiner Kiosk. Wenn ich vorbeikam, sagten die Männer: "Sing mal was!", und ich bekam eine Cola dafür und war glücklich. Der Zaun steht noch da, die kleine Bude auch. Die Grenze existiert nicht mehr. Für mich gab es sie schon damals nicht. Das war nicht Deutschland oder Frankreich. Für mich waren Lothringen und Saarland mein Land.

Den Namen meiner Heimatstadt Stiring-Wendel spricht man französisch aus. Ich träume heute französisch, obwohl ich es erst lernte, als ich in die Schule kam. Mein Vater war Franzose, dessen Wohnort mal zu Deutschland, mal zu Frankreich gehört hatte. Zu Hause sprachen wir Saarbrücker Platt. Das war meine erste Sprache. Das klingt etwa so: "Isch honn Hunga." Oder: "Isch bin mied."