Immerhin 2,85 Meter lang und 142 Kilo schwer war er, der letzte Europäische Stör, der von deutschen Fischern gefangen wurde. Das war 1993, und der Fang landete direkt in der Kantine des Bundesinnenministeriums. Seitdem gilt Acipenser sturio in Deutschland als verschollen. Ein hoher Verlust sowohl für die Umwelt als auch für die Fischwirtschaft. Seit sechs Jahren unterstützt das Bundesamt für Naturschutz mit mehreren Millionen Euro daher ein Projekt zur Ansiedlung des archaisch anmutenden Fisches. Alles scheint bestens organisiert. Doch ausgerechnet Berufs- und Sportfischer sowie Aquarienfreunde bringen eines der aufwändigsten Wiedereinbürgerungsprojekte ins Trudeln.

In einem mit Sauerstoff durchsprudelten Becken des Berliner Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei drehen seit sechs Jahren 27 Europäische Störe ihre Runden. Als Fischlarven hat sie die Gesellschaft zur Rettung des Störs teuer kaufen müssen. Denn in der französischen Gironde gibt es noch ein letztes bekanntes Restvorkommen des Sturio, der einst in allen größeren Flüssen Mitteleuropas lebte. Nun sollen die Zuchtfische das Rad der Geschichte zurückdrehen. Bis sie mit zwölf Jahren geschlechtsreif sind, werden sie gehätschelt und umsorgt, dann sollen ihre Nachkommen in unsere Flüsse ausgesetzt werden und sich vermehren. So weit der Plan.

Viele Berufs- und Sportfischer unterstützen das Projekt. Sie halten auch Ausschau nach letzten Exemplaren, die sich vielleicht doch noch irgendwo in einem Seitenarm herumtreiben, und melden jeden vermeintlichen Fang an die Gesellschaft zur Rettung des Störs. Für einen lebenden Europäischen Stör hat diese immerhin eine Prämie von 5000 Euro ausgeschrieben. Bisher ohne Erfolg. Seit 1993 verfingen sich bloß Fremdlinge aus Russland und Osteuropa in den Netzen der Fischer. Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) warnt, dass diese Eindringlinge die allerletzten einheimischen Störe verdrängen oder Krankheiten einschleppen, die den gepäppelten Projektfischen den Garaus machen. Das millionenschwere Projekt sei gefährdet.

Für das Auftauchen der fremden Arten machen Experten Zuchtbetriebe und Aquarienliebhaber verantwortlich: 1995 entkamen rund 5000 Sibirische Störe aus einer polnischen Anlage. Weitere Flüchtlinge wurden aus Aquakulturanlagen bei Hamburg, Stettin und Leipzig gemeldet. "Insbesondere Sibirische und Russische Störe landen in den Netzen, und es werden immer mehr", sagt Jörn Gessner von der Gesellschaft zur Rettung des Störs. Dabei würden längst nicht alle Fänge gemeldet. Da alle Störarten seit 1997 vom Washingtoner Artenschutzabkommen unter Schutz gestellt wurden, behalten viele Fischer ihre Beute lieber für sich.

"Störe kann man auch schon für fünf Mark in Zoohandlungen kaufen", sagt Rüdiger Bless vom BfN. In Unkenntnis der ökologischen Folgen werfen die Fischfreunde die Tiere dann in den nächsten Fluss, wenn das Aquarium zu klein geworden ist. Wenig bekannt scheint dabei zu sein, dass das Aussetzen fremder Arten verboten ist. Doch dieses Verbot, sagt Bless, "wird behandelt wie ein Kavaliersdelikt". Eine staatliche Überwachung sei unmöglich.

Sollte man nicht einfach froh sein, dass überhaupt wieder Störe in unseren Flüssen überleben? Insgesamt 700 fremde Tierarten, von der amerikanischen Schnappschildkröte über die Pharaoameise, den Waschbären bis zum Marderhund, kriechen, krabbeln und fliegen fröhlich durch deutsche Lande – ohne dass eine einheimische Art nach Meinung von Experten dadurch ausgerottet wurde. Während das Einschleppen fremder Arten in Australien und Nordamerika ökologische Katastrophen verursacht hat, blieben diese in Europa weitgehend aus. "Aber schon die nächste eingeschleppte Art könnte es sein, die die Katastrophe auslöst", sagt Karsten Reise von der Wattenmeerstation Sylt.

Beispiele für Schäden gibt es: Der Sonnenbarsch, Anfang des 20. Jahrhunderts ausgesetzt, zerstört die Brut anderer Fische. Die chinesische Wollhandkrabbe, die sich in der Elbe millionenfach vermehrt hat, verursacht fischereiwirtschaftliche Schäden in Millionenhöhe – über die ökologischen Auswirkungen herrscht noch Uneinigkeit. Die Krebspest, eine Pilzerkrankung aus Nordamerika, vernichtet in großem Umfang deutsche Edelkrebspopulationen, Karpfen machen Amphibien den Garaus, und unter der Anwesenheit von Spiegel- und Graskarpfen leiden Wasserpflanzen, weil die Tiere im Schlamm wühlen und dadurch das Wasser trüben.

Einige Arten wie Mosquitofisch oder Graskarpfen konnten sich bei uns nicht fortpflanzen. Andere haben es gelernt. Millionenfach ist seit Ende des 19. Jahrhunderts die Regenbogenforelle in die Flüsse gesetzt worden. Lange Zeit war man der Meinung, dass der schmackhafte nordamerikanische Fisch keine Nachkommen produziert. Ein Trugschluss. In einigen Voralpenflüssen haben Regenbogenforellen Äschen und Bachforellen komplett verdrängt. Einige Bundesländer verbieten daher inzwischen den Besatz mit dem Tier.