Natürlich hat sich der Stützpunkt Fort Hood herausgeputzt, als der Präsident zu Besuch kommt. Kein Stäubchen auf den Raketenwerfern, die George W. Bush bewundern soll. Keines auf den Panzern, auf deren Kanonenrohren Soldaten die Aufforderung "Burn Baby Burn" gepinselt haben. Der Präsident nimmt es in diesen Januartagen auf sich, die Nation auf Krieg einzustimmen. Diesmal ist er in die weite Ödnis seines geliebten Texas gereist, zum 3.Gepanzerten Korps, das sich selbst "America’s Hammer" nennt.

In einer riesigen Sporthalle sind 4000 Soldaten im Tarnanzug angetreten, und in der ersten Reihe steht ihr Oberbefehlshaber im grünen Armee-Blouson. Rechts, auf Brusthöhe, ist der Name "Bush" aufgenäht. "Sollten wir gezwungen sein zu handeln", ruft er, "so werden wir handeln, in der besten amerikanischen Tradition!" Und unter lautem Beifall verspricht der Präsident: "Wenn Saddam sein Schicksal besiegeln sollte, indem er die Weltmeinung ignoriert und sich nicht entwaffnet, so werden wir kämpfen. Nicht, um ein Land zu besetzen, sondern um Menschen zu befreien." Zwanzig Minuten dauert der beschwörende Appell, schließlich schmettert es aus 4000 Kehlen zurück: "Die Armee ist auf dem Weg. Zählt im Rhythmus laut und klar: Zwei! drei! Die Armee ist auf dem Weg." Bush presst die Lippen aufeinander. Es ist ein patriotischer Moment, in dem Amerikas Präsident, Gattin Laura am Arm, ein paar Tränen verdrückt.

Was Amerika in diesen Tagen erlebt, ist der Countdown eines angekündigten Krieges. Allein am vergangenen Wochenende hat der Verteidigungsminister 62000 Soldaten den Marschbefehl erteilt. Bis Anfang Februar könnten schon 120000 amerikanische Soldaten am Golf sein. Es scheint, als könne nichts mehr Amerika von seinem Vorhaben abbringen – ausgenommen vielleicht ein Putsch gegen Saddam oder dessen Selbstmord.

Lange sah es so aus, als werde es sehr bald nach dem Zwischenbericht der UN-Inspektoren (am 27. Januar) und Bushs "Rede zur Lage der Nation" (am 28. Januar) ernst. Seit Ende vergangener Woche aber hat es den Anschein, als wolle Bush den Inspektoren mehr Zeit geben. Allzu lange wird er aber nicht warten wollen. Eine Ewigkeit kann die große Truppe am Golf nicht in Bereitschaft bleiben. Außerdem naht im Irak dann die kriegsfeindliche Sommerhitze.

Selten ist über einen Krieg so lange diskutiert worden. Meist sind Vorhersagen über die Strategie so zuverlässig wie Börsentipps, was gestreut wird, ist Desinformation; im Kosmos der Militärs ist alles geheim. Diesmal haben die Strategen im Pentagon der Welt den Gefallen getan, über die Aufmarschpläne, Bodentruppen, über Häuserkampf und Spezialkommandos und die Gefahren eines Bioangriffs öffentlich zu streiten. Eines ist gewiss: Wenn dieser Krieg stattfindet, wird er radikal anders sein. Anders als der erste Golfkrieg, anders als der Afghanistan-Feldzug. Er wird noch moderner, noch amerikanischer werden, ein Schauspiel der tödlichen Hochtechnologie.

Vorerst übt Amerikas Militär noch, für den schlimmsten aller Fälle, zum Beispiel im kalifornischen Camp Pendleton. Da steht ein Arzt vor 48 Rekruten. "Hey, Doc, was ist das Gas, das dich deine Eingeweide ausspucken lässt?", fragt einer. "VX", lautet die Antwort. Tödlich. Unsichtbar. Geruchlos. "Wer kennt das Gas, das 1995 bei dem Terroranschlag auf die Tokyoter U-Bahn benutzt wurde?", will der Arzt wissen. "Sarin!", rufen einige. Kommentar des Arztes: "Saddam hat große Vorräte davon." Einer der Rekruten sagt: "Im Ernstfall hast du neun Sekunden, deine Maske aufzusetzen." Seit einem Jahr erst tragen die jungen Männer Uniform. "September 11 Marines" werden sie genannt, weil sie sich meldeten, um gegen den Terror zu kämpfen. Seither begleitet die Washington Post die Rekruten. Soeben ist der bislang düsterste Bericht erschienen. Obwohl keiner der Vorgesetzten davon spricht, wissen alle: Es geht in den Irak. Zwar hören die Soldaten, dass sich die eigene ABC-Abwehr seit dem Golfkrieg 1991 verbessert habe. Jeder hat jetzt einen Schutzanzug. Auch neue Sensoren gibt es, neue Spürpanzer. Zugleich weiß jeder: Die Gefahr ist gewachsen.

Bislang kennt die Geschichte erst drei Beispiele, in denen Staaten, die Massenvernichtungswaffen besitzen, gegeneinander gekämpft haben – Sowjets und Chinesen 1969 am Fluss Ussuri sowie Inder und Pakistani im Grenzkonflikt des Jahres 2000. Beides waren nur Scharmützel, anders als der erste Golfkrieg zwischen Saddams Irak und einer amerikanisch geführten Koalition. Damals, 1991, funktionierte die Abschreckung. Die Amerikaner schrieben Saddam, ihr Kriegsziel sei, Kuwait zu befreien, mehr nicht. Setze Saddam allerdings ABC-Waffen ein, gehe es ihm an den Kragen. Saddam verstand. Nichts war ihm wichtiger als sein eigenes Überleben.

Anders die Situation heute. Kriegsziel ist es, Saddam zu stürzen. Erkenne Saddam, dass Amerika nicht länger abzuschrecken sei, schrieb CIA-Chef George Tenet im Oktober 2002 an den US-Kongress, könne der Diktator leicht B- und CWaffen als "letzte Chance verstehen, Rache zu üben". Er ginge quasi unter in einer Giftgaswolke. Bedroht wären die Nachbarstaaten, amerikanische Truppen, Israel und – durch einen staatsterroristischen Anschlag – das amerikanische Mutterland.