Taszár/Budapest

Taszár, am ersten Montag des neuen Jahres. Ein Dorf, das in der Wüste liegt. Schnee und Eis halten es gefangen. Später werden Wasser und Schlamm es einkreisen. Sobald der frühe Winterabend hereinbricht, gehen die Leute an die Fernseher. Die heruntergelassenen Rollläden lassen keinen Lichtstrahl mehr in die schneidende Kälte dringen. Hundegebell weht aus der Puszta herüber und verschwindet wieder, als zöge ein Schlitten durch die Polarnacht.

Plötzlich ist ein Heulen in der Luft, wächst schnell an und läuft draußen irgendwo am Rande des Dorfes vorbei. Ein Flugzeugtriebwerk. Der Lärm stirbt ab. Unter den Füßen knirscht wieder der Schnee. Ein grauer Bus gleitet über die vereiste Hauptstraße, auf der sich schwacher Laternenschimmer spiegelt. "Blue Bird" steht auf dem Bus. So heißt ein amerikanischer Militärorden. Die Scheiben sind dunkel getönt. Tibor Mercz in seiner dick wattierten Jacke schaut dem Bus nach.

"Herr Bürgermeister, wer sitzt in dem Bus, wohin fährt er?"

"Das wissen wir nicht."

Niemand in Ungarn weiß im Voraus, wer hier ins Land kommt. Selbst die Fluglotsen erfuhren erst im letzten Moment, dass an jenem Montag vergangener Woche eine Vorhut amerikanischer Offiziere in Taszár zur Landung ansetzte. Neben der 2100-Seelen-Gemeinde liegen eine drei Kilometer lange Rollbahn und ein Armeeflughafen aus der Zeit des Warschauer Pakts. Während der Balkan-Kriege mieteten die Amerikaner den Stützpunkt an. Jetzt möbeln sie ihn für ihr Irak-Unternehmen auf. Seit jenem Montag sind bereits mehr als 150 Militärpolizisten eingetroffen. In der dritten Januar-Woche soll die Zahl amerikanischer Armeeangehöriger in dem Dorf südlich des Plattensees auf nahezu 1000 aufgestockt sein. Ein Zweisternegeneral wird sie anführen. Die Ausbilder warten auf bis zu 3000 arabische Emigranten. Die Exilanten werden nach dem 25. Januar in mehreren Schüben eingeflogen und jeweils 90 Tage auf der Base bleiben.

Woher sie stammen, aus welchen Ländern, Gruppen, Stämmen, Clans, ob sie in der Hauptzahl Iraker und Kurden sind, wofür genau sie ausgebildet werden – niemand hat da vorerst Einblick beim Nato-Partner Ungarn. Man weiß nichts, aber das kennt man von früher. Aus dem Warschauer Pakt.

Die angeheuerten Bush-Gehilfen sollen ihre im Schnee und Schlamm von Taszár erworbenen Fähigkeiten im heißen Bagdad einsetzen. Militärpolizisten, Dolmetscher, Spione, die aus der Kälte kommen. Um sie auf dem eingemotteten Fliegerhorst überhaupt unterbringen zu können, hat die amerikanische Firma Brown and Root jetzt erst einmal 500 ungarische Bauleute, Schreiner, Klempner angemietet. Ihre Zahl soll sich noch verdoppeln.