Gibt es noch eine amerikanische Friedensbewegung? Deutsche Beobachter machen sie höchstens im Altersheim aus - angeführt von Senioren wie Jane Fonda und Gore Vidal.

Von Kriegsgegnern ist im US-Fernsehen nichts zu sehen. Als im Oktober mehrere 10 000 Menschen in Washington gegen die Irak-Politik ihrer Regierung demonstrierten, fand das Ereignis in den Abendnachrichten und Zeitungen so gut wie gar nicht statt. Herrschende Meinung diesseits wie jenseits des Atlantiks war und ist: Die große Mehrheit der Amerikaner ist für den Krieg gegen Saddam Hussein und hisst die Fahne. Mit einer Reihe von Aktionen wollen Kriegsgegner in den nächsten Wochen beweisen, dass die Opposition gegen George W. Bushs Militäraufmarsch am Golf wächst. Für den 18. Januar sind Großdemonstrationen in Washington und San Francisco angekündigt. In New York wird für den 15. Februar zum Stop-The-War-March mobilisiert. Ein "Probelauf" fand letzten Samstag mit über 10 000 Demonstranten in Los Angeles statt.

Hauptredner war der populäre Schauspieler Martin Sheen, ausgewiesener Kritiker amerikanischer Militärpolitik.

Unter den Organisatoren der geplanten Aktionen findet man die üblichen Verdächtigen wie das Nicaragua-Netzwerk, die Allianz zur Befreiung Palästinas oder die Sozialistische Kooperative Oklahoma, die nun altbekannte Strophen gegen "Krieg und Rassismus" anstimmen. Den Mainstream der Bewegung bilden allerdings Institutionen, die sich durch und durch patriotisch wähnen: allen voran die Gewerkschaften und die Kirchen. Bereits im September letzten Jahres sprach sich der Präsident der katholischen Bischofskonferenz in einem Brief an das Weiße Haus gegen einen Krieg im Irak aus. Im Oktober, kurz nachdem der amerikanische Kongress dem Präsidenten die Kriegsvollmacht erteilt hatte, erklärten 60 protestantische Kirchenführer aus den USA und Großbritannien einen Militärschlag gegen den Irak für "illegal, unmoralisch und unklug". Was Katholiken, Methodisten, Episkopale, Lutheraner und auch viele Evangelikale eint, ist nicht Pazifismus, sondern Opposition gegen George W. Bushs neue Militärdoktrin des "preemptiv-Schlags", weil sie in jeder Hinsicht gegen die Theorie des "gerechten Krieges" verstößt.

Die frechste Aktion bislang hat die Kolumnistin Ariana Huffington gestartet.

Huffington war bis vor wenigen Jahren überzeugte und schwerreiche Republikanerin. Heute ist sie immer noch schwerreich, hat ein Buch geschrieben mit dem Titel Wie man die Regierung stürzt und im Fernsehen Werbezeit für Spots gekauft, in denen Fahrer benzinfressender Autos verkünden: "Ich helfe Osama Bin Laden: Ich fahre jeden Tag mit dem Geländewagen zur Arbeit." Huffington hat damit eine Anzeigenkampagne der Bush-Administration kopiert, in der Drogenkonsumenten Unterstützung internationaler Terrorgruppen vorgeworfen wird, weil diese sich auch mit Geld aus dem Drogenhandel finanzierten.

Ob alle diese Proteste und Provokationen die Entscheidung über einen Militärschlag beeinflussen, wird man sehen. Der Schriftsteller Kurt Vonnegut hat seinem Land unlängst eine klinische "Sucht nach Kriegsvorbereitung, nicht nach Krieg" bescheinigt. "Ein zwanghafter Kriegsvorbereiter will so wenig in den Krieg ziehen, wie ein saufender Börsenjobber kopfunter im Topf des Bahnhofsklos enden will." Was freilich nichts daran ändert, dass der saufende Börsenjobber mitunter genau dort landet.