Caracas

Zuerst möchte man meinen, was für ein herrlich zivilisiertes Land! Seit sieben Wochen herrscht in Venezuela Generalstreik. Benzin ist knapp. Es gibt keine Frischmilch, kein Bier, keine Coca-Cola. Banken und Supermärkte sind geschlossen. Aber niemand drängelt, niemand hetzt, niemand gerät in Panik. Der Streik ähnelt einer in die Länge gezogenen Siesta. Kaum Verkehr auf Caracas’ sonst abgasverpesteten, lärmenden, hektischen Stadtautobahnen. Geduldig stehen Autofahrer vier oder fünf Stunden vor den wenigen Tankstellen Schlange, die Treibstoff haben.

In schattigen Straßencafés gibt es immer noch Torten, Spezereien und vorzüglichen Kaffee. Ein Demonstrationszug zieht gemächlich auf Fahrrädern vorbei. Gelegentlich blasen die Radler auf Trillerpfeifen, oder sie rufen "Streik". Wüsste man nicht, dass es ihnen darum geht, den Präsidenten Hugo Chávez Frías aus dem Amt zu jagen, könnte man meinen, dies sei eine Bürgerinitiative für den Bau von Fahrradwegen.

Nicht anders auf einer Demonstration vor dem Hauptquartier des Staatskonzerns PDVSA, der die fünftgrößten Ölreserven der Welt kontrolliert. Chávez feuerte tausend Angestellte und versucht, die Ölproduktion mit Streikbrechern und Militär in Gang zu bringen. "Wir werden PDVSA säubern", hatte er verkündet. Auf der Kundgebung herrscht die entspannte Atmosphäre eines Volksfestes. Die Menge tanzt afroamerikanisch zu karibischen Rhythmen. Teenager kurven auf Skateboards und Rollschuhen durch die Menge. Man trägt die neuesten Demo-Moden zur Schau: Bikinis, Tops, TShirts und Shorts, alle in Landesfarben. Man trillert auf Pfeifen und trommelt auf Töpfen.

Sie fesselten ihn und seine Tochter

Dann doch ein erster Geschmack von den abgrundtiefen Verwerfungen, die das einst prosperierende Land heimsuchen. Das große Pottklopfen, erklärt eine ältere Dame, die sich als Margarita María de la Santísima Trinidad Aney Sanz vorstellt, sei Symbol dafür, dass die Töpfe leer sind. "Seit Chávez regiert, geht das Land vor die Hunde. Wir stehen vor dem Nichts. Wir sind am Ende."

Dunkelheit bricht herein. Im zweiten Monat des Streiks versinken die Straßen bei Nacht in Anarchie. Am Silvesterabend und Neujahrstag wurden in Caracas 128 Menschen ermordet. Die Polizei der Hauptstadt ist insofern machtlos, als sie gerade von Chávez’ treuem Militär entwaffnet wurde. Bei Juan Fernandez kamen die Räuber ins Haus. Sie fesselten ihn und seine Tochter, schlugen ihn und schrien, sie seien beauftragt, ihn zu erschießen. Sie zogen dann aber mit Geld und Autoschlüssel wieder ab. Fernandez ist einer der ranghöchsten streikenden PDVSA-Manager und prominenter Oppositioneller. Niemand weiß, ob die Täter wirklich von der Regierung gedungen waren oder ob es sich um gewöhnliche Kriminelle handelte.

Chávez zog 1998 mit einem überwältigenden Mandat in den Präsidentenpalast Miraflores ein. 1992 hatte der ehemalige Leutnant versucht, sich an die Macht zu putschen. Das misslang. Doch das Volk, vor allem die Ärmsten der Armen, aber auch Teile des Mittelstandes, sah in ihm den Retter des in Misswirtschaft und Korruption versinkenden Landes. Mit der Wirtschaft ging es unter Chávez weiter bergab. Die ausländischen Investitionen schrumpften von 2,5 Milliarden auf eine halbe Milliarde Dollar. Inflation, Arbeitslosigkeit und Rechtlosigkeit wucherten. Der unter die Armutsgrenze abgleitende Mittelstand wandte sich von ihm ab. Das ist eine Ursache des Streiks.