die zeit: Rot-Grün will die Handwerksordnung reformieren. Fallen endlich die letzten Relikte der mittelalterlichen Zunftordnung?

Thomas Melles: Die Zunftordnung war nie so restriktiv wie heute die Handwerksordnung. Damals galten die Regeln immer nur in Städten, auf dem Land war freies Arbeiten möglich.

Bisher sehe ich noch nicht den großen Wurf für eine Reform. Der Zwang, dass nur Meister Handwerksbetriebe führen können, soll zwar gelockert, aber nicht grundsätzlich abgeschafft werden.

zeit: Die Verteidiger der bisherigen Handwerksordnung argumentieren, dass der Verbraucher vor mieser Handwerksleistung geschützt werden muss.

Melles: Wenn Sie ein Auto kaufen wollen, werden Sie auch nicht gezwungen, eine Nobellimousine zu erwerben. Niemand hindert Sie daran, sich für einen Kleinwagen zu entscheiden. Sie können am Markt wählen. Dasselbe muss auch für das Handwerk gelten. Der Kunde kann dann selbst entscheiden, ob er einen Meister mit seiner höheren Qualifikation beauftragen will oder ob ihm etwa für einfachere Arbeiten das Niveau eines Gesellen reicht. Wir sind gegen den Meisterzwang, aber ganz klar für den Meisterbrief.

zeit: Es gibt auch heute jede Menge von Meisterbetrieben produzierten Handwerkspfusch.

Melles: Jährlich haben wir 30 000 Gerichtsverfahren wegen Pfusch am Bau. Es gibt überall solche und solche. Für die Haftung gegenüber dem Kunden ist es gleich, ob ein Meister oder ein Geselle den Betrieb führt: Die Gewährleistung beträgt entweder fünf Jahre nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) oder nur zwei Jahre nach der Verdingungsordnung für Bauwesen (VOB).