Die Älteren erinnern sich: Einst gab es das blühende Genre der Boulevardkomödie. Ihr Thema war der Bürger, seine Umgangsformen und seine vertuschte Wollust. Ihre Schauplätze waren Salons, von denen Nebenzimmer, Korridore und begehbare Schränke abzweigten. Im Salon herrschte die Lüge, im Schrank hockte die nackte Wahrheit. Im Salon trug man Dreireiher (Nadelstreifen), im Schrank allenfalls Unterhose (Feinripp). Der Verdacht, dass es hier gern jeder mit jedem triebe, lag erregend über der Szene. Die kürzeste Definition für solches Theater lautete "Ehebruch und schöner Wohnen". Das ist lange her. Heutzutage werden Ehen geschieden, ehe sie gebrochen werden, und die deutsche Boulevardkomödie ist so gut wie tot.

Sie überlebt allerdings in einer Schwundform auf den Studiobühnen der Theater - als Trash-Bagatelle. Von den bürgerlichen Wohnlandschaften bleibt hier meist nur ein Sofa. Darauf sitzen Leute, die vom Fernsehen gezeugt wurden und am Fernseher verenden werden. Was haben die Fernbedienung, das Bier und das Cocooning nur aus uns gemacht? Sitcom-Säcke!

Zum Beispiel Meinnicht, ein Familienstück der erfolgreichen Jungdramatikerin Gesine Danckwart. In Isabel Osthues' Inszenierung am Hamburger Thalia Theater spielt es in einer Landschaft aus Sesseln, zwischen denen die Figuren bei Bedarf hervorgezogen werden. Sie wohnen nicht, sie haben sich in den Polsterritzen festgesetzt wie Sporen eines Farns. Die Figuren der Trash-Komödie brechen keine Ehen mehr, sie vermehren sich auf andere, magische Weise: Jede neue TV-Comedy zieht im deutschen Theater zehn Trash-Comedys nach sich.

Die Trash-Komödie zeigt nicht mehr Menschen beim komischen falschen Leben, sondern Parasiten, die sich an ihren Wirten festgesaugt haben. Es sind Figuren, die im Geiste großer Soaps und Sitcoms leben, sie nähren sich vom Abfall der Simpsons, der Bundys und der Osbournes. Fast jedes deutsche Theater unterhält solche Familien von Parasiten, denn man kann sie auf den kleinsten Bühnen ansetzen und nach einer Spielzeit mühelos wieder abbürsten, wegschnippen und rauswaschen. In Hannover ist jetzt das neue Stück des jungen deutschen Dramatikers David Gieselmann uraufgeführt worden. Frühstück vereint noch einmal die zentralen Begriffe des Boulevards, das Schöner Wohnen und den Ehebruch: Lothar, mittelständischer Unternehmer, Hersteller von Pressspan- und Faserplatten, wird von seiner Frau Cornelia hintergangen. Cornelia hat Sex mit Reinhard, dem Angestellten und besten Freund Lothars. Reinhards Frau Rita wiederum betrügt ihren Mann mit einem Schlagerproduzenten. Cornelia ihrerseits streut Gerüchte, ihr Mann sei ein Perverser

am liebsten vergewaltige und ermorde er Doggen.

Gieselmann spielt hingebungsvoll mit der Vertuschungs- und Enthüllungsmechanik des bürgerlichen Theaters. Lug- und Trugtext liegt wie eine Deckschicht über dem, was verschwiegen werden soll. Freudsche Fehlleistungen halten den Kontakt zwischen beiden Ebenen aufrecht (wenn Reinhard etwa an Cornelia denkt, rutscht ihm ein "Corn...ed beef" raus).

"Pförr überzeugt mich nicht"