Malen wir ein bisschen schwarz, um die deutsch-französische Jubelgemeinde für einen Augenblick aufzuscheuchen: Nehmen wir an, Jacques Chirac, an die 70 und nicht immer weise, ertrüge den Anblick des aufsässigen Teutonen Gerhard Schröder nur noch mit mühsam gebändigter Wut, der Kanzler wiederum sei über den herrischen Hochmut des Hausherrn im Elysée-Palast so tief verstimmt, dass auch Doris’ blondestes Mädchenlachen und Bernadettes mahnende Mütterlichkeit beide nicht miteinander versöhnen könnten: was dann? Le moteur franco-allemand en panne? Kaput? Ein für alle Mal?

Gemach! Den beiden bliebe nichts anderes, als sich seufzend ihren gemeinsamen Interessen zu beugen, wenn zum Beispiel das Weiße Haus die sofortige Aufnahme der Türkei in die Europäische Union verlangte oder die neuen Mitgliedstaaten sich zu einen Anschlag auf die Kassen des Agrarmarkts zusammenrotteten. Sie sind aufeinander angewiesen und voneinander abhängig: Jeder hat es bisher gelernt (Ludwig Erhard ausgenommen). Sie gehören zueinander – auf Gedeih oder, falls sie sich dem Gebot der Vernunft entziehen, auf Verderb. Sie können nicht ohne einander, selbst wenn sie miteinander nicht können. Sie haben erfahren, dass es besser ist, aus freien Stücken zu wollen, was sie ohnedies müssen. Der Deutsche wird sich nicht ohne Schmerz des Berliner Gipfels zu Beginn seiner Kanzlerschaft entsinnen, bei dem er im höheren Interesse der deutsch-französischen Partnerschaft zähneknirschend das Agrardiktat Präsident Chiracs akzeptierte. Nicht ohne Groll wiederum erinnert sich der französische Staatschef an die schmähliche Konferenz von Nizza, bei der ihm Schröder die Anerkennung des numerischen Übergewichts der 80 Millionen Deutschen abzwang (und damit – cui bono? – die Grundregel vom gleichen Rang Frankreichs und Deutschlands in der Union für einen Moment außer Kraft setzte). Was half’s? Schröder hat es, mit Joschka Fischers Nachhilfe, genauso begriffen wie Chirac: Es gibt zur deutsch-französischen Kooperation keine Alternative.

Nein, die Erzfreunde haben es nicht immer leicht miteinander. Helmut Kohl und Jacques Chirac sollen, wenn man den Behauptungen eines Pariser Journalisten Glauben schenken durfte, beim Gipfeltreffen von Dublin im Jahre 1996, über die Kriterien für den Euro und über den Stabilitätspakt streitend, einander so heftig angebrüllt haben, dass die Wände zitterten, ja, sie seien von ihren Gehilfen daran gehindert worden, sich an den Kragen zu gehen. Was immer damals geschehen sein mag – man hat die beiden später manches Versöhnungsbierchen trinken sehen.

Der Euro kam, von Chirac und Schröder zunächst eher scheelen Auges beobachtet. Der Sozialdemokrat hatte dieses schwierige Kind noch im Wahlkampf 1998 als eine schwächliche Frühgeburt verhöhnt, von François Mitterrand, dem Kultursozialisten im Elysée, und seinem konservativen Partner am Rhein kurzerhand in die Welt gesetzt, um die Bindungs- und Widerstandsfähigkeit der Europäischen Union angesichts des wiedervereinigten Deutschland zu kräftigen: um die Europäisierung der Deutschen endgültig zu besiegeln. Beide wollten nicht zur Kenntnis nehmen, was hellsichtigere Zeitgenossen ahnten: dass der Anschluss der DDR die Bundesrepublik keineswegs stärken, sondern für Jahrzehnte schwächen würde. Von der gefürchteten Auferstehung eines germanischen Kolosses in der Mitte Europas konnte keine Rede sein.

Tränen für den Erbfeind von einst

Zwischen dem Präsidenten, der sich nicht nur im Wuchs, sondern im Pathos seiner Gesten, in der komplexen Agilität seines Denkens, der literarischen Differenziertheit seiner Sprache so radikal vom Kanzler unterschied, und dem deutschen Partner wuchs aus dem angstvollen Misstrauen am Ende eine tiefere Vertrautheit. Der Pfälzer hatte wahrhaftig Anlass, dem fremden Freund jene dicke Träne nachzuweinen, die vor den Fernsehkameras (und den Augen von Millionen Franzosen) bei der Trauerfeier in der Kathedrale von Notre-Dame über die mächtige Wange rollte. Alle beide stammten sie aus dem Milieu des katholisch-nationalen Kleinbürgertums, und alle beide hatten Europa als ihre historische Aufgabe erkannt. Unvergessen die bewegende und zugleich so groteske Szene, als der christdemokratische Riese und der schmächtige Sozialist an der Gedenkstätte von Verdun Hand in Hand das Ende der mörderischen "Erbfeindschaft" beschworen.

Ein seltsames Paar – doch ein Paar ohne Zweifel. Zwischen Kohl und dem Nachfolger Jacques Chirac gedieh keine vergleichbare Nähe. Doch auch der Spätgaullist, der als junger Agrarminister so ungehemmt die nationale Pauke geschlagen hatte, fügte sich als Staatschef in die enge Kooperation mit den Deutschen. So wollte – und so will es – das Gesetz der Geschichte, seit die westlichen Siegermächte nach 1945 die Energien für eine Renaissance des ausgebluteten und moralisch erschöpften Europa zu sammeln begannen. Jean Monnet hatte in Washington das große Konzept für den Schutz der alten Welt vor neuen Katastrophen skizziert. Der Technokrat, der zugleich ein genialer Visionär war, begann mitten im Krieg für die Einsicht zu werben, dass es keine Sicherheit (vor dem Nationalismus der Deutschen und vor den Divisionen Stalins) ohne Bindung Deutschlands an eine Gemeinschaft der Europäer gebe.

Dies besagte freilich, dass sich am Ende auch Frankreich den Bedingungen unterwürfe, die für das besiegte Deutschland gelten sollten. General de Gaulle verstand das Prinzip – doch die zäh erkämpfte Anerkennung als Partner des Sieges der Alliierten erlaubte es ihm 1945 nicht, über den Schatten eines in Wahrheit obsoleten Nationalismus zu springen. Der große Christdemokrat Robert Schuman aber nahm Jean Monnets kühnen Entwurf mit couragierter Entschlossenheit auf: der Schuman-Plan für die Montanunion war der Grundstein des europäischen Hauses. In Konrad Adenauer fand er den gleichsam vorbismarckschen Deutschen, für den sich Geschichte nicht in der Souveränität des Nationalstaats erfüllte.