Tierische Triebe sind in den Zoos nur schwer zu bremsen. Doch was tun, wenn die Gehege zu voll werden? Findet sich anderswo kein Platz, müssen Jungtiere manchmal eingeschläfert werden. Was sehr schade ist. Kämen sie wenigstens auf den Teller, müsste man nicht von Verschwendung reden.

Früher sorgte der überzählige Nachwuchs für willkommene exotische Gaumenfreuden. Aber heute sucht man in den deutschen Tierparks vergeblich nach einer Einladung zum Giraffen-BBQ oder einem Mittagstisch mit Krokodil-Suppe. Auch Gazellen-Rücken wird selten angeboten.

Im Restaurant Carnivore aber wird zu Salat und roten Bohnen Fleisch bis zum Eiweißschock serviert. Auf dem Tisch steht ein kleines buntes Fähnchen, und solange es der Gast nicht zur Seite kippt, eilen unentwegt Kellner mit Gegrilltem an langen Spießen herbei: Giraffe? Ein Stückchen Zebra? Schmeckt feinwürzig, ein bisschen nach Wild. Noch ein wenig Wasserbock? Auch delikat, kräftiger als Zebra. Oder hier: leckeres Krokodil, viel Knorpel und dazwischen Stücke, die an Hühnchen erinnern. Das Carnivore (zu deutsch: Fleischfresser) am Stadtrand von Nairobi liegt in unmittelbarer Nähe des Naturschutzgebiets Nairobi National Park, in dem geschützt wird, was sich auf der Speisekarte wiederfindet. Der Menüplan irritiert nur, wenn er in Deutschland vorgelesen wird. Was in Kenia auf einem mehrstöckigen Holzkohlegrill geröstet und mit leckeren Sößchen (Knoblauch, Minze, Chili) serviert wird, gibt's hierzulande allenfalls im Zoo - und nur zur Betrachtung. Dabei fiele auch hier ab und zu ein Stück Exotenfleisch an. Überschüssige Exemplare aus den Tierparks gäbe es bei ungehemmter Fortpflanzung genug: Bären, Raubkatzen, Primaten, saftige Zebras. Während die Pandas sich trotz Hauruckmethoden nicht zu vermehren gedenken, gebären Raubkatzen fast wie die Karnickel. Als ich mich umhöre, bekomme ich nur Wehklagen zu hören. Jörg Junhold, Geschäftsführer des Leipziger Zoos, wird Löwenbabys kaum noch los, und im Bärenpark im thüringischen Worbis stehen über hundert Petze auf der Warteliste für einen Pensionsplatz. Zoologische Kulinarien wären eine Lösung. Bis Ende der achtziger Jahre wurden Überschüsse im weltberühmten Berner Bärengraben von den Stadtvätern genüsslich weggeputzt, mit Spätzle und Rotkraut als Beilagen. Heute wird, so erzählt der Kurator des Zürcher Zoos, Robert Zingg, schon mal ein Wildschaf aus Zoobeständen zur Gaumenfreude der Belegschaft. Kein Problem bei einem Huftier. Aber man stelle sich die Reaktionen der Öffentlichkeit über einen Teddyverzehr vor. Zwar lässt das Tierschutzgesetz das Töten von jungen, überzähligen und alten Zootieren zu – aber mit der Gesellschaft käme man dabei ordentlich ins Gehege. Sehr problematisch wird es bei Säugetieren, die in unserem Kulturkreis nicht auf der Speisekarte stehen. „Das Einschläfern eines Menschenaffen aus Platzgründen ist ein halber Mord“, sagt Christian R. Schmidt, Zoodirektor in Frankfurt am Main. Aber auch Geschöpfe, denen wir Menschenfreundlichkeit, Intelligenz oder eine kulturelle Leistung nachsagen, wie Delfine oder Elefanten, sind bei uns tabu. Hinzu kommen Katzen und Bären - die nach dem Kindchenschema (große Augen, flache Stirn) gebauten Kuscheltiere.Aber vielleicht beschert uns die Aussi-Welle ja einen Sinneswandel. Mehr Känguruhs als Rinder gibt es auf dem südöstlichen Kontinent, und mancher Farmer hat bemerkt, dass sich mit den Tieren gut wirtschaften lässt. Die Exporte nach Europa nehmen zu. Noch kennen die meisten die hopsenden Säuger bloß als Zootiere. Dabei sind sie auch im Teller sehr gut aufgehoben. Zum Beispiel lässt sich so ein Känguruh aus nachhaltiger Freilandhaltung in ein köstliches Ragout verwandeln. Mit Zwiebeln, Eierschwämmen, Speck, Rotwein und Wachholderbeeren. Sehr gut passen Spätzle dazu. Tierisch
Ihr Urs Willmann Kritik und Anregungen wie immer gerne an geniessen@zeit.de .