Noch im letzten Sommer galt Alain Fischer als Star der Genthera-peutenszene. Der Arzt vom Pariser Necker-Hospital hatte jenen Durchbruch geschafft, auf den Mediziner in aller Welt seit Jahren sehnsüchtig warteten: Mit einer Gentherapie war es ihm erstmals gelungen, neun Kinder von einem bislang unheilbaren Erbleiden zu befreien. In deren Erbgut fehlte ein Protein, das für die Bildung körpereigener Abwehrzellen nötig ist. Jeder harmlose Keim löst bei dieser seltenen Immunschwäche namens X1-SCID eine lebensbedrohliche Infektion aus. Normalerweise können die Kinder daher von Geburt an nur unter einem sterilen Plastikzelt überleben.

Es sei ein "Wunder" geschehen, schwärmte daher einer der Väter, nachdem sein Sohn – dank der heilenden Gene, die Fischer mithilfe so genannter Retroviren in dessen Knochenmarkzellen eingeschleust hatte – schon bald funktionsfähige Immunzellen bildete und normal zu Hause leben konnte.

Doch ausgerechnet das, was Forscher als "Meilenstein" und ersten klaren Beweis dafür feierten, dass das "Heilen mit Genen" tatsächlich funktioniert, hat sich nun für zwei der betroffenen Familien zu einem Desaster entwickelt. Vergangenen Sommer, gut 30 Monate nach der Behandlung, erkrankte eines der Kinder an einer Form von Leukämie, die eindeutig durch die Gentherapie hervorgerufen worden war. Ein tragischer, aber extrem seltener Fall, so glaubten die meisten Experten damals noch.

Von Zufall kann jetzt keine Rede mehr sein. Vor wenigen Tagen stellte sich heraus, dass ein zweites von Fischer behandeltes Kind exakt dieselbe Leukämie entwickelt hat. "Jetzt müssen wir erkennen, dass der Einsatz von Retroviren für die Gentherapie offenbar riskanter ist, als wir lange dachten", sagt Klaus Cichutek, Vizepräsident des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) in Langen und Vorsitzender der Kommission Somatische Gentherapie (KSG) der Bundesärztekammer. Eine der ursprünglich insgesamt 16 in Deutschland gemeldeten und bereits nach dem ersten Leukämiefall im September gestoppten Gentherapie-Studien muss nun bis auf weiteres auf Eis liegen. Zwei weitere sollen weitergeführt werden, über zwei neue klinische Prüfungen wollen das PEI und die KSG im Februar beraten.

Zwischenfälle häufen sich

In der Tat zeigen die jüngsten Ereignisse in Paris erneut, wie fragwürdig viele der großspurigen Verheißungen und vermeintlichen Erfolge der Genforschung und der Biomedizin sind. Schon im Jahr 2000 könnten Millionen von Patienten durch die Gentherapie geheilt werden, hatte der US-Mediziner French Anderson 1990 nach seinem ersten Gentherapie-Experiment an einem kleinen Mädchen prophezeit. Ihn hat die damalige Begeisterungswelle zum Millionär gemacht. Doch bis heute – mehr als ein Jahrzehnt und Milliarden von Euro an Investitionen später – wurde außer den kleinen Patienten von Alain Fischer kein einziger Mensch mit dem Verfahren geheilt. Dabei haben Forscher das Prinzip schon an mehr als 5000 Patienten mit verschiedensten Erkrankungen erprobt.

Schlimmer noch: Am 17. September 1999 wurde erstmals ein tödlicher Zwischenfall bekannt. Der 18-jährige Jesse Gelsinger aus Tucson, der an einem seltenen angeborenen Stoffwechseldefekt litt, hatte kurz zuvor die höchste bisher beim Menschen verwendete Menge gentechnisch veränderter Adenoviren ins Blut gespritzt bekommen. Die Viren riefen bei Jesse eine so massive Immunreaktion hervor, dass er an Leberversagen starb.

In anschließenden Untersuchungen stellte sich heraus, dass es im Rahmen von Gentherapie-Studien allein in den USA bei fast 700 Patienten zu schweren, mitunter tödlichen Komplikationen gekommen war. Die allerdings hatten die Forscher zum Teil schlichtweg unter den Teppich gekehrt. Allzu schwierig ist so etwas schließlich nicht. Denn wer will schon immer genau sagen können, ob die tödlichen inneren Blutungen oder Herzrhythmusstörungen eines Krebspatienten auf die Krankheit selbst zurückzuführen waren oder aber auf eine schwere Nebenwirkung des Therapie-Experiments?