Es ist dunkel, eng, laut und voll im Frankfurter Römer, als Wolfgang Clement den Raum betritt. Etwa 200 Sozialdemokraten stehen beisammen, trinken Wein und schwatzen, gleichgültig, wer von der lokalen SPD-Prominenz gerade ein Grußwort spricht. Eine langwierige Angelegenheit ist das, weshalb der aus Berlin angereiste Wahlkampfhelfer Clement seine Rede schnörkellos beginnt: "Ich begrüße alle, die bisher noch nicht namentlich genannt worden sind."

Da wird es still.

Es folgt ein faktenreicher Vortrag über Mittelständler und Lohnnebenkosten, Arbeitsmarktreformen und Wirtschaftswachstum, das Gesundheitssystem und – wie immer bei Clement – den Transrapid. Andere Politiker hätten gegen den politischen Gegner polemisiert, der Superminister für Wirtschaft und Arbeit redet mit vergleichbarer Emphase über Personalserviceagenturen und Ich-AGs. "Es lohnt sich wirklich, den Hartz-Bericht selbst zu lesen", ruft er mit gerötetem Gesicht ins Publikum. "Das ist eine ausgesprochen spannende und packende Lektüre."

Niemand im Saal sieht so aus, als würde er ernsthaft erwägen, in den 343 Seiten dicken Bericht hineinzuschauen. Aber es guckt auch niemand gelangweilt. "Er hat nicht einfach nur auf die anderen eingedroschen, das war gut", sagt eine ältere Zuhörerin hinterher. "Ihm geht es um die Sache", stimmt ein junger Betriebsrat zu. "Man merkt, es ist ihm Ernst."

Ein ernster Mann für ernste Zeiten: So hatte eigentlich die Union im Wahlkampf Edmund Stoiber angepriesen, den Ministerpräsidenten mit Wirtschaftskompetenz. Hätte allein die ökonomische Debatte die Wahl entschieden, säße der Bayer heute vermutlich im Kanzleramt. Nun scheint Clement umzusetzen, was der Konservative versprach – im Habitus und teils sogar im wirtschaftspolitischen Detail. Die im Bundesrat ausgehandelte Neuregelung der 325-Euro-Jobs zum Beispiel trägt die Handschrift der Union, die Änderung des Scheinselbstständigkeitsgesetzes ebenso. Auch mit einigen seiner Ideen zur Zukunft der Sozialsysteme ist Clement nah bei der Union.

Kein Wunder, dass Clement in den vergangenen Wochen so viel Beifall bekam, denn auch so lassen sich die Umfrageergebnisse des Wahljahres lesen: Die Deutschen wollten Schröder behalten, aber eine andere Wirtschaftspolitik. Dafür steht der neue Minister, und wochenlang schienen alle ihn dafür außerordentlich zu schätzen: Gewerkschaften und Arbeitgeber, die SPD-Fraktionslinke und die Opposition, die Medien und die Parteibasis.

Besonders erfreut sind die Grünen, mit denen sich Clement als Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen noch harte Gefechte geliefert hatte. "Wir sind mit ihm sozusagen in den Flitterwochen", sagt ein Spitzengrüner. Sein Eintritt ins Kabinett wird mit dem von Hans Eichel vor vier Jahren verglichen. Man sieht den Neuen als Verbündeten in der Reformdebatte, der wie die Grünen auf kleine und mittlere Firmen setzt. "Emotional ist Clement zwar noch nahe an den großen Traditionsunternehmen", glaubt Rezzo Schlauch, parlamentarischer Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, "aber seine Ratio steuert zum Mittelstand."

Die ersten drei Monate waren für Clement eine Aneinanderreihung vieler Glücksfälle. Da war zunächst das Hartz-Konzept, das er so verinnerlichte, "als hätte er es selbst geschrieben", wie Harald Schartau staunt, Clements früherer Arbeits- und Sozialminister aus Nordrhein-Westfalen. Ob Clement das Konzept selbst hätte entwickeln können, bezweifeln einige Vertraute. Aber für die Verhandlungen mit der Union im Bundesrat gab es keine bessere Besetzung als den Exministerpräsidenten, der die Unterhändler aus den unionsregierten Ländern als Kollegen kennt.