Was am vorvergangenen Montag in der israelischen Zeitung Ha’aretz zu lesen war, lässt an ein biblisches Wunder denken: Nach 2400 Jahren gibt die heilige Erde des Jerusalemer Tempelbergs endlich einen handfesten Beleg für den Tempel Salomos frei, das erste Gotteshaus des Judentums. Eine steinerne Tafel berichtet in althebräischer Schrift von Ausbesserungsarbeiten am Tempel, die der "König von Juda, Sohn des Ahaziah" einst durchführen ließ. Bibelkenner erinnerten sich sofort an das zweite Buch der Könige, zwölftes Kapitel, das ebensolche Reparaturen am Tempel Salomos in ganz ähnlichen Worten beschreibt. Als Auftraggeber nennt die Heilige Schrift den historisch sonst unbekannten König Joasch, der Juda am Ende des 8. vorchristlichen Jahrhunderts regierte.

Ist dies der lang ersehnte Fund, der die Ursprünge der jüdisch-christlichen Religion von der Legende in die Geschichte holt? Eine antike Bautafel? Schon bejubelte Gabriel Barkai, Archäologe an der Bar-Ilan-Universität, den "bedeutendsten Fund in der Geschichte Israels". Auch rechte Politiker reiben sich die Hände: Die Joasch-Tafel könnte dem Streit mit den Palästinensern um den Tempelberg eine neue Wendung geben.

Vielleicht kommt die Freude zu früh. Denn Barkais Forscherkollegen sind geteilter Meinung über die Echtheit der Tafel. Die erste archäometrische Analyse gibt Barkai zunächst Recht. Fast ein Jahr lang hatten Shimon Ilani und Amnon Rosenfeld vom staatlichen Geological Survey die Tafel mit dem Elektronenmikroskop abgetastet und ihre Zusammensetzung mit Röntgenstrahlen und einem Spektrometer analysiert. Ilanis klares Verdikt: "Das Stück ist authentisch." Es sei "unvorstellbar", dass eine Fälschung solch ausgiebige Tests unentdeckt überstehe.

Spritzer aus Gold

Auf dem Sandstein, der vermutlich aus der Gegend des Jordan oder des Toten Meeres stammt, wollen Ilani und Rosenfeld sogar mikrometergroße Goldtropfen gefunden haben, die nur bei großer Hitze dorthin gelangt sein können. Spritzte das geschmolzene Edelmetall womöglich bei einem Feuer im Tempel auf die Tafel? Babylonische Truppen brannten das Bauwerk 586 vor Christus nieder. Mit der Radiokarbonmethode datierten die Geologen Kohlenstoffpartikel (Ruß?) aus der Patina, welche die ursprünglich weiße Tafel samt Inschrift bedeckt und sich bis in die kleinsten Risse zieht. Demnach lag die Tafel ab dem Jahr 390 vor Christus unter der Erde.

Als vergangene Woche die ersten Bilder der 27 mal 31 Zentimeter großen Tafel durch die Presse gingen, waren die Schriftkundler am Zug – und sofort widersprachen sie den Naturwissenschaftlern. Noch bevor sie das Original in Augenschein nehmen konnten, erklärten viele Epigrafiker die gemeißelten Lettern zur Fälschung. Einem königlichen Schreiber, der die Buchstaben derart schlampig gesetzt hätte, wären die Hände abgehackt worden, waren sich Schriftexperten aus Israel, den USA und Deutschland einig, die sich in Jerusalem spontan zu einem Seminar versammelten. "Der Fälscher kann offenbar nur schlecht Althebräisch", sagt Ernst Axel Knauf, Hebraist an der Universität Bern, zurzeit im Sabbatjahr in Jerusalem. "Da wurden schlicht ein paar Bibelstellen kombiniert." Die Zeichenformen habe der Fälscher aus moabitischen und judäischen Vorbildern des 9. bis 7. Jahrhunderts zusammengemischt. Beim Abschreiben unterliefen ihm indes mehrere Fehler: "Ein Wort ist so entstellt, dass es gar keinen Sinn mehr ergibt", sagt Knauf. Ein anderes Wort sei in dieser Form erst Jahrhunderte später in Gebrauch gekommen.

Auch das Material der Tafel nährt den Zweifel der Experten: "Bauinschriften in Sandstein habe ich noch nie gesehen", stutzt der Tübinger Bibel-Archäologe Siegfried Mittmann. "Sie sind normalerweise aus Basalt oder Kalkstein."

Noch mehr staunte Nadav Na’aman, Historiker an der Universität Tel Aviv und Spezialist für das Buch der Könige, als er vorvergangenen Montag die Zeitung aufschlug. Seiner Theorie nach entstand das Buch erst Jahrhunderte nach den Ereignissen, die es beschreibt – die Urheber mussten sich deshalb auf Überlieferungen stützen. Gerade das besagte zwölfte Kapitel müsse eine Inschrift des Königs Joasch zum Vorbild gehabt haben, vermutete Na’aman schon 1998. War womöglich die jetzt aufgetauchte Tafel eine Quelle der Heiligen Schrift? "Entweder habe ich mit meiner Theorie den Nagel auf den Kopf getroffen, oder der Fälscher hat sie gelesen und beschlossen, sie zu bestätigen", sagt Na’aman. Er neigt allerdings eher zur letzten Möglichkeit: "Die Tafel ähnelt keiner königlichen Inschrift, die ich kenne."