Tel Aviv/Jerusalem

Mittags im Stadtzentrum von Tel Aviv. Zwei Männer gehen über die Straße, an langen Bändern baumeln ihnen kleine Pappkartons von den Schultern. Erschrocken dreht sich eine Passantin um und fragt: "Gibt es Alarm?" Nein, lautet die knappe Antwort: "Wir haben nur unsere alten Gasmasken gegen neue ausgetauscht."

Im Golfkrieg vor zwölf Jahren trugen die Israelis den Pappkarton mit Gasmasken wie eine Handtasche überall mit hin. Jetzt ist wieder Zeit für Vorsorge. Die Menschen beschaffen sich Wasservorräte und Konservendosen, sie holen das Klebeband und die Plasikfolien hervor, mit denen sie schon einmal ihre Fenster gegen Giftgas abgedichtet haben.

Die Parlamentswahlen am kommenden Dienstag, so scheint es, interessieren derzeit die wenigsten Menschen. Es fällt auf, wie wenig Plakate diesmal an den Kreuzungen hängen. 20 Prozent der Wähler wussten laut Umfragen zu Beginn der Woche noch immer nicht, welcher Partei sie ihre Stimmen geben wollen. So hoch war der Anteil an Unentschiedenen noch nie. Für die meisten steht der Ausgang ohnehin schon fest: Die Likud-Partei von Ariel Scharon wird gewinnen, wenn auch nicht mit jenem gigantischen Vorsprung, auf den der Ministerpräsident noch vor kurzem gehofft hatte. Auf Scharons wundersamen Wandel vom geschmähten, abgesetzten Verteidigungsminister zum geliebten Großvater der Nation liegt seit dem Vorwurf von Korruption ein Schatten. Was allerdings nicht bedeutet, dass sein Herausforderer Amram Mitzna davon profitieren würde. Denn auch dessen Arbeitspartei gilt nicht gerade als sauber.

Ein anderer israelischer Politiker kann sich dafür die Hände reiben: Tommy Lapid, der 71-jährige Chef der Schinui-Partei ("Wechsel"), wird aller Voraussicht nach viele Abgeordnete in die Knesset schicken. Er könnte von der Unfähigkeit der beiden großen Parteien profitieren, von der wachsenden "Politikverdrossenheit", wie man in Europa sagen würde. In Israel kann man sich allerdings den Luxus, bei der Wahl einfach zu Hause zu bleiben, noch viel weniger leisten. Wählen gehen, aber gegen die Großen votieren – diese Stimmung weiß der ehemalige Journalist Lapid, dessen scharfe Zunge noch allen aus der Fernsehshow Popolitika bekannt ist, meisterhaft für sich zu nutzen.

Lapid hat es gar nicht nötig, mit Antworten auf die großen Fragen Israels für sich zu werben. Er braucht nicht zu sagen, wie er den Konflikt mit den Palästinensern lösen würde. Geschickt geht er mit einem reinen Anti-Programm hausieren, das an die säkulare Mittelklasse europäischer Herkunft appelliert: gegen die Privilegien der Ultraorthodoxen, gegen Korruption, gegen zu hohe Steuern. Kurz: Lapids Schinui ist eine klassische Protestpartei. Seine Gegner werfen ihm deshalb einen gefährlichen Populismus vor, der mit der Angst vor der Zukunft, mit der Panik vor einem wirtschaftlichen Zusammenbruch spiele. Die Wahl, sagt der Psychoanalytiker Max Stein, biete nur schlechte Alternativen: "Entweder zu liberal oder zu hart." Die Gesellschaft stehe angesichts des gescheiterten Friedensprozesses unter Schock. Ein paar Jahre lang, so Stern, hätten die Israelis in einer euphorischen Utopie gelebt und erwartet, dass sich die Dinge ändern. "Jetzt sind wir wieder an den Anfang zurückgekehrt: ein Fremdkörper in der Region."

Die Grenzpunkte zu Jordanien und Ägypten sind nur noch scheinbare Übergänge. Keiner nutzt sie mehr. Wer traut sich jetzt schon als Israeli in ein arabisches Land? Außer den Siedlern fährt kein Mensch mehr ins Westjordanland. Vorbei die Mittagessen mit der Familie in Bethlehemer Restaurants und die Besuche neuer Jazzbars in Ramallah. Das einzige offene Tor zum Rest der Welt ist der Tel Aviver Flughafen. Aber seit in Kenia ein Flugzeug mit Touristen nur knapp einem Raketenangriff entging, reisen die Israelis auch nicht mehr so gern.

"Es herrscht Ghettostimmung"