Hundt. Theo Hundt. Kein Scherz und keine Geschichtsklitterung – dieser Lehrer hieß wirklich so. Und was noch besser war, er passte zu seinem Namen. Vielleicht hatte er sich ihm auch nur über die rund fünfzig Jahre angepasst, die er alt war, als ich aufs Gymnasium ging.

Alles schien zu passen. Zunächst einmal lehrte er Geschichte und – genau – Latein. Cave canem! Hüte dich vor dem Hund! Der Scherz lag nahe. Selbst Lehrerkollegen haben den Witz auf seine Kosten gerissen und auf diese Weise ihre humanistische und humoristische Bildung unter Beweis gestellt. Einige versuchten überhaupt gern, sich durch ein abfälliges Wort über den Doktor Hundt beliebt zu machen, wenn dieser weit weg war. Doch das war zu durchsichtig.

Dann der Typ selbst: hager, der graublaue Anzug korrekt, das schüttere Haar präzise gescheitelt. Zum Lachen wäre er wohl am liebsten in den Keller gegangen, bloß hatte unsere Schule kein Untergeschoss. Mitunter spielte indes so eine Art Lächeln in seinem Gesicht, zum Beispiel, wenn ein mittelmäßiger, aber netter Schüler sein Unverständnis für Latein offenbarte. Es war kein gemeines Lächeln, eher eines, das er nicht zurückhalten und auch nicht ganz kontrollieren konnte. Ich spiele hier den harten Hund, schien es entschuldigend zu sagen, weil das der beste Weg ist, euch aufs Leben vorzubereiten.

Noch besser als die Erscheinung war, was Hundt so sagte. "Marx ist Murks", beschied er einmal einen nach links außen tendierenden Unterprimaner und wandte sich vorsichtshalber gleich an die ganze Klasse: "Merken Sie sich das!" Das muss Anfang der achtziger Jahre gewesen sein, Nachrüstungsdebatte und Antiamerikanismus. Jedenfalls bestand der halb belesene Mitschüler darauf, dass die Sowjetunion mit den nächsten Fünfjahresplänen die USA wirtschaftlich einholen würde, man müsse ihr nur Zeit geben. "Seien Sie still", antwortete Hundt – oder etwas in der Art. Meinungsvielfalt gehörte nicht ins Klassenzimmer und eigentlich nirgendwohin. Das gefiel mir nicht sonderlich, aber irgendwie war es ja atavistisch witzig. Fast alle lachten.

Die Härte und der hintergründige Humor, fremde und mitunter abgründige Ansichten, verbunden mit einer gewissen Eleganz: der Mann schien etwas zu wissen, zumindest war er sich einiger Dinge gewiss. Mich faszinierte das, und ich strengte mich an bei ihm.

An was man sich so erinnert: Einmal degradierte der Herr Lehrer Mallorca zur "Putzfraueninsel" und kippte seine Verachtung für die kulturlosen deutschen Pauschaltouristen gleich eimerweise nach. Daraufhin war die Insel für mich gestorben – bis ich sie schließlich doch für mich und in dem Zuge auch entdeckte, dass Dr. Hundt, dieser Mann des Wissens, banale Vorurteile pflegte.

Um einen Mann wie Hundt ranken sich Geschichten, klar. Man hörte, abseits der Schule sei er ein charmanter und geselliger Zeitgenosse. Es drang sogar durch, er habe eine hübsche und lebensfrohe Freundin. So recht nachprüfen konnten wir das nicht, denn "der Hundt" kam täglich mit dem Zug aus der Kreisstadt. Weit weg.

Hin und wieder offenbarte er ein Puzzleteil seines Weltbildes. Meiner Erinnerung nach mochte, ja liebte er das Römische Reich zu dessen Hochzeit. Cäsar und Augustus waren wichtig. Die Römer kultivierten damals fast die ganze bekannte Welt – das fand er toll. Dass sie nicht nach dem Willen der unterworfenen Völker fragten, war für ihn schon irgendwie in Ordnung. Schließlich war es für den guten Zweck der kulturellen Weiterentwicklung. Die Künste blühten; eine seines Erachtens wunderbare Sprache, die er ja neben Geschichte auch lehrte, fand ihre Verbreitung; und bis hin zu Cäsars so genannter Schildkrötenformation des Fußheeres entwickelten die Römer auch die Kriegsführung zur Kunst.