Der Experte im deutschen Verteidigungsministerium – "Bitte zitieren Sie mich nicht!" – empfiehlt zur Lektüre Tom Clancy. Der Thrillerautor hat in seinem Sachbuch Fighter Wing detailliert die Probleme der Luftkriegsführung im Allgemeinen und die Zerstörung unterirdischer Bunker im Besonderen beschrieben. Als etwa das Bombardement der unterirdischen Kommandozentrale Taji Nr. 2, 28 km nordwestlich von Bagdad, nichts anderes bewirkt, "als den Rosengarten umzugraben", muss eine neue Waffe her. Bei Clancy wird in nur 28 Tagen ein verbesserter Sprengkörper aus übrig gebliebenen Geschützrohren hergestellt. Eines der pfeilartigen Konstrukte, Spitzname Deep Throat, vernichtet das Ziel schließlich. Der deutsche Clancy-Fan ist sicher: "Im konventionellen Bereich gibt es genügend Waffen, fast jeden Bunker zu knacken."

Diese Zuversicht teilen nicht alle Militärstrategen. Sie fragen sich: Wie soll man herankommen an die mutmaßliche nordkoreanische Atomwaffenfabrik in Kumchangri, die 200 Meter tief in den Fels geschlagen wurde? Wie an den libyschen Chemiewaffenkomplex in Tarhunah? Und wie kann man ohne Desaster ein irakisches Milzbranddepot rückstandslos verpuffen lassen? "Die einzige Möglichkeit, solche Ziele zu bekämpfen, sind nukleare, erddurchdringende Waffen", sagt Fred Celec, Deputy Assistant beim amerikanischen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Rückt der Einsatz solcher Mini-Nukes näher?

Die neue amerikanische Nukleardoktrin " Nuclear Posture Review" vom vergangenen Jahr macht es möglich. Sie erlaubt neuerdings Präventivschläge mit Atomwaffen und deren Einsatz gegen Staaten wie Nordkorea, Libyen und den Irak. Das Problem ist nur, dass die Bomben des zur Abschreckung geschaffenen Megatonnen-Arsenals aus dem Kalten Krieg dafür viel zu gewaltig sind. Und die einzige kleinere Atomwaffe, die weniger radioaktiven und politischen Staub aufwirbelt – technische Bezeichnung: B-61-11 – ist nicht für alle Zwecke geeignet. "Die 61-11", sagt Fred Celec, "kann nur weichen Boden durchdringen, nicht harten Fels."

Angriff mit Schockwellen

Die Lehre aus dem ersten Irak-Krieg von 1991 ist nach Celecs Ansicht, "dass man, um zu überleben, sehr tief gehen muss". Dazu brauche man eine Mini-Atombombe, die sich tief in den Boden gräbt und durch Schockwellen auch entfernt vom Einschlagpunkt gelegene Bunker vernichtet. Direkt nach Bekanntgabe der Nuclear Posture Review beantragte die National Nuclear Security Administration eine Machbarkeitsstudie für einen "Robust Nuclear Earth Penetrator" (RNEP). Die Mittel in Höhe von 15 Millionen Dollar wurden zwar bewilligt, aber nur unter der Auflage, dass das Verteidigungsministerium noch einmal explizit die militärische Notwendigkeit und die Überlegenheit gegenüber konventionellen Waffen begründet. Bis zum 3. Februar muss der Report dem Senat vorliegen.

Die Atomwaffengegner sind alarmiert. "Das läuft unseren Bemühungen nach Rüstungskontrolle zuwider", sagt Otfried Nassauer, Leiter des Berliner Informationszentrums für Transatlantische Sicherheit. "Die Einsatzschwelle für Atomwaffen wird gesenkt, und es ermutigt andere Staaten, ebenfalls Atomwaffen weiterzuentwickeln." Die amerikanische Alliance for Nuclear Accountability verschickt Brandbriefe an die Senatoren: "Wir sind tief besorgt, dass die Regierung Schritte unternimmt, das Jahrzehnte alte Moratorium für unterirdische Nukleartests aufzuheben, um unter anderem Waffen wie den RNEP zu testen."

Ihre einzige Chance sehen die amerikanischen Aktivisten im akribischen Nachweis, warum solche Systeme weder sauber sind noch zur chirurgischen Bunkerbekämpfung taugen. In seinem Report Fire in the Hole hat Michael A. Levi von der Federation of American Scientists jüngst nukleare und nichtnukleare Bunkerbrecher verglichen.

Damit eine Nuklearwaffe mit wenig Sprengkraft möglichst große Wirkung erzielt, muss sie tief in die Erde eindringen. In den Fels gezwängt, gibt sie ihre Explosionsenergie maximal und weiträumig an die Umgebung weiter. Während konventionelle Waffen metergenau ihr Ziel treffen müssen, wirkt eine atomare 1-Kilotonnen-Bombe (die Hiroshima-Bombe hatte 12,5 Kilotonnen) eher indirekt. Explodiert sie in fünf Meter Tiefe, können ihre Schockwellen bis in 70 Meter Tiefe vordringen – über der Erde entsteht ein gewaltiger Atompilz aus radioaktivem Staub und Geröll. Auf der windabgewandten Seite, rechnet Levi vor, würden Menschen noch in drei Kilometer Entfernung tödlich verstrahlt. Erst ab einer Explosionstiefe von mindestens 140 Metern würde der oberirdische Fall-out sicher vermieden (siehe Grafik). So tief reicht aber kein Sprengkopf. "Es wird ein Fall-out geben", bestätigt auch Ministerialrat Fred Celec.