Die besseren Verrückten sind die aus der Schweiz", sagte Jean Dubuffet, der als Begründer der Art brut gilt. Der französische Künstler sammelte und schätzte die Kunst von Geisteskranken und gesellschaftlichen Außenseitern. Seine Feststellung muss also als sachkundiges Lob verstanden werden. Schmeichelnder klingt es aus dem Mund des renommierten Schweizer Ausstellungsmachers Harald Szeemann: "Was dieses Land auszeichnet, ist der Hang zum Visionären, das Ahnungsvolle, die unmittelbare Gabe des zweiten Gesichts." Ob es an den Alpen liegt? Wer die massiven Hindernisse und Sichtbegrenzungen überwinden will, muss zum Höhenflug ansetzen. Aber selbst dort, wo es in der Schweiz vergleichsweise flach zugeht und niemand Fantastisches erwartet wie im Grenzort Spreitenbach-Dietikon, finden sich Abweichungen vom Alltäglichen.

Dietikon wird vom Kanton Zürich verwaltet. Spreitenbach vom Kanton Aargau, der sich Kulturkanton nennt, aber vor allem die Kultur des braven Durchschnitts pflegt, bestenfalls ordentlich, aber selten außerordentlich ist: Wie im Aargau gewählt wird, heißt es, so wählt in der Summe das ganze Land. Dass sich hier jemand neue Horizonte erschlossen hat, ist schon von fern zu sehen. Ein Turm, kein Kirchturm, ragt mit seiner Kuppel auf einem Hügel oberhalb von Dietikon aus dem Wald heraus. Wer sich dem Hügel nähert, stößt an seinem Fuß zunächst auf eine Schrebergartenkolonie. 99 Parzellen, alle hübsch zurechtgestutzt. Mit Gartenzwergen, wie es sich gehört. Das Vereinslokal Wiiräbe-Stübli macht die Geselligkeit übersichtlich, der WC-Reinigungsplan regelt den Rest. Ein städtischer Freiraum, in dem das Statut garantiert, dass niemand über sich hinauswächst.

Das Maul eines Titanenkopfs verschlingt den Besucher

Im angrenzenden Waldstück aber wuchert es. Gestrüpp und Ast-Chaos reichen bis an den Zaun des genormten Kleinbürger-Idylls heran. Durch die Bäume, die der Winter kahl gefressen hat, lugen irreale Gebilde. Eine riesige Gestalt mit Flügeln blickt auf die Schrebergärten herab. Der Weg, der den Hügel hinaufführt, geht über in eine gepflasterte Allee, an deren Rändern karminrote Hirschfiguren hocken. Auf dem Geweih sind Lampen angeschraubt. Gleich hinter der Hirschallee folgt ein Platz, dem eine 20 Meter hohe Eulenskulptur präsidiert. Dann verschluckt das Maul eines Titanenkopfs den Besucher und spuckt ihn auf der anderen Seite wieder aus, wo anmutige Meerjungfrauen einen Balkon auf dem Kopf tragen und Koboldgelächter vom Dach schallt; und wo aus dem schlingpflanzenartigen Haus ein älterer Mann heraustritt mit grauem Gottvaterbart und wuscheligen Haaren, die ein zum Stirnband geknotetes Geschirrtuch bändigt. Bruno Weber. Künstler mit "Hang zum Visionären".

Nicht erst sieben Tage, sondern seit 40 Jahren baut er sich eine Welt in der Welt mit Sonne, Mond und Sternen, den Bruno Weber-Park. 20000 Quadratmeter groß, mit Märchenschloss, Wald-, Liebes- und Wassergarten. Unterstützt von seiner Frau Mariann und den Zwillingstöchtern schafft er ein Gesamtkunstwerk, in dem die Fantasie das Maß aller Dinge ist und der Baustoff Beton. Ausgerechnet Beton. Das Material, das zum Kennwort für das Unbehagen an der gebauten Umwelt wurde.

Das ganze Limmattal ist zubetoniert. Von seinem 30 Meter hohen Wohnturm aus hat Bruno Weber den Überblick. Monströse Shopping-Center, graue, gesichtslose Wohnblöcke und Industriebauten, wohin er schaut. Im Sommer sind sie vom Blattwerk verdeckt. In der kalten Jahreszeit denkt er sie sich fort. Dann stellt er sich zum Beispiel vor, dass der hässliche Gebäudeklotz mit dem Exlibris-Firmenlogo ein großes Schiff ist mit vielen Büchern an Bord. Wenn es dunkel wird, das Schiff hell beleuchtet ist, lässt er es davonschwimmen.

Bruno Weber ist in Dietikon groß geworden, in einem Haus aus dem Jahr 1812, mit Dorfbrunnen und einer 200-jährigen Linde davor. Das Elternhaus steht heute noch und wirkt im Ort wie vergessen, weil sich drum herum alles verändert hat. In den sechziger Jahren musste Bruno Weber mit ansehen, wie seine ländliche Heimat in die Breite und in die Höhe ging, wie Wachstumseuphorie und Renditedenken alles Tun bestimmten. "Ich wurde zu einer Antwort gezwungen", sagt der heute 71-Jährige. "Das ist ein Eigner", hat schon die Großmutter gesagt und wohl gemeint, dass er seine eigenen Ideen hat und auch den rechten Dickschädel, sie durchzusetzen. Und wenn es sein muss, dann eben mit Beton, der es ihm erlaubt, die Einfallslosigkeit im Tal mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen. "Beton ist das wärmste und echteste Material. Es braucht nur Fantasie und Kühnheit."

Eigentlich besuchte Bruno Weber die Kunstgewerbeschule, um Maler zu werden. Die Bildhauer hat er immer bemitleidet, weil sie schwer zu tragen hatten. "Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet auf mich die dicksten Brocken zukommen würden?" 180 Tonnen wiegt die Eule. Die Form für den Betonguss bestand aus 92 Einzelteilen. Zum Boden hin verjüngt sich die Skulptur. Dass sie noch steht, verdankt sie genauen Berechnungen, aber wenn man Weber so zuhört und zuschaut, auch ein bisschen seinen guten Beziehungen zur Natur. "Ich gehe sehr sensibel mit dem Terrain hier um. Ich frage die Bäume, ob eine Figur geht oder nicht geht." Er weiß, dass das esoterisch klingt, aber er schert sich nicht drum. Als Sturm Lothar im Park wütete, ließ er die Eule in Ruhe.