Bitte sehr, bitte schön! Möchten’s 73 Armsessel im klassizistischen Stil oder lieber doch 143 Fauteuils, Palisanderholz, lederbezogen? Oder dürfen’s 94 achteckige Kristall-Spiegel sein, mit den 547 dazu passenden Wandleuchten? Im Angebot wäre auch, sehr fein, ein Marmor-Springbrunnen mit Edelstahlwasserwand und integrierter Beleuchtung. Außerdem stehen auf der Liste 15 Laufmeter Messing-Geländer und elf Mülleimer. Oder vielleicht gleich 600 komplette Zimmereinrichtungen von der Executive-Suite bis zum Standard-Raum? Danke, bitte, danke. Sag zum Abschied leise Servus!

Ein ganzes Hotel wurde verramscht! Weltweit einzigartig, dass eine Edelherberge nicht Zimmer für Zimmer, Flur für Flur in Schuss bringt oder Stockwerk für Stockwerk renoviert. Nein, hier kam jetzt das Inventar von 50000 Ausstattungsstücken des einst famosen Vienna Hilton auf einen Schlag unter den Hammer. Europaweites Interesse, vor allem aus dem Osten und der Schweiz – man versprach sich Schnäppchen bei der Demontage des Fünf-Sterne-Hauses am Wiener Stadtpark, in dem einst illustre Gäste wie Willy Brandt, Ursula Andress und die Rolling Stones abstiegen. Selbst Klopapierhalter und beheizbare Stumme Diener wurden versteigert. Die Besitzer, eine Bauträger-Firma mit Beteiligung des Boulevard-Blatts Kronen-Zeitung, haben das Grand-Hotel für eineinhalb Jahre zur Generalsanierung geschlossen. Dass die Auktion vom renommierten Kunsthaus Dorotheum durchgeführt wurde, wundert nicht: Das Haus – im Jahre 1707 als "Versatz- und Frag-Amt" vom Kaiser persönlich gegründet – erfuhr jetzt ebenfalls einen Eigentümer-Wechsel. Auf Wiener Art praktisch gerichtet, gehört es nun zu wesentlichen Teilen Besitzern des Hiltons.

Noch immer prangen die mannshohen Jugendstil-Lettern auf dem Dach, noch immer gammelt oben an der Brüstung die ramponierte Neon-Reklame der Swiss-Air, der die ganze Pracht von DDR-Beton-Platten-Bau in höherer Form einst gehörte. 1975 war das Hilton eröffnet worden, wo früher die historischen Fleischmarkt-Hallen standen, zehn Jahre später wurde es letztmalig renoviert. Aber seit der Bauchlandung der helvetischen Flieger wurde nichts mehr richtig gerichtet – alles Gewerk war nur, wienerisch gesagt, "a Pfusch".

Mitten in der Wiener Ball-Saison war der Hammer überm Hilton das gesellschaftliche Ereignis des Tages. Alles berichtete, jeder ging hin; bei der Vorbesichtigung zitterten 3000 Interessenten durch die zugigen Zimmer des abgehalfterten Tourismus-Tempels, rochen in ranzige Großküchen und schlurften über Teppichböden, die bis zum Estrich heruntergeschrubbt sind. Abgerissen die verrauchten Gardinen im Saal Zar Alexander, blind die Fenster bei Fürst Talleyrand, am Fürst-Metternich-Raum-Schild hing noch der Titel der letzten Veranstaltung: "Die kniffligsten Umsatzsteuer-Zweifelsfragen beim Auslandsgeschäft". Dazwischen an der Mahagoni-Wandtäfelung die zahllosen Aufkleber einer nackten Susanne mit www-Nummer – diskrete Dienste. "Völlig devastiert!", nölte ein Herr in ölig-nasalem Schönbrunner Wienerisch der Oberschicht, das Rotary-Rad am Revers.

Die Dame mit der Designerbrille tänzelte gleich zur Kasse

Der große Festsaal war "bummvoll", als die 800 Nummern in acht Stunden losgeschlagen wurden. Tout Vienne auf 250 Quadratmeter Parkettboden der Tanzfläche, die als Konvolut mit 40 Tischen, 350 Stühlen und Decken-Deko an einen Herrn im dunkelblauen Zweireiher ging. Ruf-Preis 1700 Euro, Zuschlag 4500: "Wir haben uns gerade selbst versteigert!", grinste der Auktionator, der das Publikum straff durch die Hotellerie scheuchte. Ein Mann mit Filzhut plus Gamsbart, Lodenjanker, Haferlschuh möchte seine Pension in Tirol mit drei Einzelzimmern aufmöbeln. Seine Nachbarin, eine Dame aus dem Gattinnengeschwader im bodenlangen Nerz, erstand eine Suite fürs neue Ferienhaus "am Land". Drei Turnschuh-Studis traten maulend ab, weil sie mit ihrem Bettenwunsch für die neue WG nicht zum Zuge kamen. Der Bieter mit der Nummer 37 wollte gleich alle 83 Executive-Zimmer à 400 Euro im Paket. Aber nix da! Jede Daunendecke wurde einzeln aufgerufen, sodass der Gewinn am Ende der Aktion 100 Prozent über der Erwartung lag und insgesamt eine halbe Million Euro machte.

Den Niedergang der guten alten Zeit beklagte eine Großmutter, die sich mit Hund in die Nobelherberge traute. Hier Gast zu sein hätte sie sich "nie ned leistn kenna" – für 3,20 Euro ergatterte sie sich mit Kren und Gebäck ein paar Würstl, die in Wien "Frankfurter" heißen. Neben ihr mokierten sich drei Pensionäre über die "Russen-Mafia", die gerade die komplette Klimt-Bar, zwölf Laufmeter Mahagonifurnier mit Messingfußleiste, Granitplatte, Gläserspüler und Eiswürfelerzeuger, für dreizwei statt für zweiacht mitgenommen hatte. Dafür blieb der sechsarmige Glaslüster in Kronenform mit Prismenbehang im Land – 220 wurden gerufen, und die Society-Lady mit der Designerbrille im Haar hob ihre "Lot-Number" bis achtzehnhundert hinauf und tänzelte in schicken Lack-Ballerinas gleich zur "Kassa". Eine Schulklasse aus dem Handelsgymnasium schrieb alles mit, eine junge Frau mit Palästinensertuch um den Hals stillte ihr Baby, eine Gruppe orthodoxer Juden hinten am Bösendorfer gab Losnummern und Rufpreise über Handy durch. Kurz vorher hatte noch die Klavierlehrerin aus Prag die drei Pianofortes durchgespielt und den "miserabligen Gehalt des Gehauses" beanstandet – für einen anderen Virtuosen waren die drei Flügel eine "Okkasion", auch wenn sie 30000 statt 13000 eingespielt haben.

Irgendwann später war im Saal ein kollektives Naserümpfen zu sehen: Der Auktionator hatte Hiltons Groß-WC-Anlage mit 15 Schalen nebst Pissoirs aufgerufen. Für 300 Euro stillen sie heute niemandem mehr den Drang ab.