Lüge? Lüge? Was für ein hässliches Wort! Ob Ministerpäsident Gabriel nicht gelogen habe, will RTL-Moderator Peter Kloeppel von dessen Herausforderer wissen. Herrje! Christian Wulff denkt nach, windet sich, ziert sich. Unwahrheit, ja, zu dem Begriff lässt er sich gerade noch hinreißen. Doch dann, plötzlich, ein Ruck, er sieht seinen Gegner an und sagt: "In einer Reihe von Fragen würde ich Sie als Lügner bezeichnen." Puh, da ist es heraus.

Zur Erinnerung: Christian Wulff gehörte viele Jahre lang zu denen in der zweiten Reihe der CDU, die unter Helmut Kohl die "jungen Wilden" genannt wurden. Jung? Irgendwann schon. Aber wild? Nichts trifft wohl weniger auf den öffentlichen Christian Wulff zu. Er würde sich lächerlich machen, ginge er mit diesem Etikett hausieren. Und er tut es auch nicht. Mit Helmut Kohl allerdings lässt sich noch immer punkten. Mag Wulff in Sachen Parteispendenaffäre und innerparteilicher Demokratie auch zu dessen Kritikern gehört haben: Im Wahlkampf ist der Altvordere hilfreich und taucht in jeder Rede auf, die Christian Wulff bei seinen Kreisverbänden hält. Beifälliges Nicken an der Stelle, wo er sagt, dass es wieder so werden solle wie zwischen 1982 und 1989, als "wir ausgeglichene Haushalte" hatten und der "Wachstumsmotor Europas" waren. "Nur so konnten wir die deutsche Einheit schultern." Kein Wort darüber, dass manches, worüber noch heute gestritten wird, bereits damals im Argen lag, dass Untergang der DDR und Wiedervereinigung die Reformbedürftigkeit der alten Bundesrepublik lediglich übertüncht haben. Stattdessen: "Wir wollen wieder an die guten, glorreichen Zeiten der CDU anknüpfen." Das kommt an.

Schon wieder gegen Schöder

Christian Wulff will Ministerpräsident von Niedersachsen werden. Es ist sein dritter Anlauf. Zweimal musste er sich geschlagen geben, 1994 und 1998. Beide Male hieß der Gegner Gerhard Schröder. 1998 war die Wahl Schröders auch die Entscheidung über den Kanzlerkandidaten – Schröder oder Lafontaine hieß die Frage. "Schröder hat es den Leuten leicht gemacht, als er ankündigte, nicht alles anders, aber vieles besser zu machen", sagt Wulff. Auch dieses Mal kämpft der CDU-Spitzenmann nicht nur gegen den niedersächsischen SPD-Ministerpräsidenten Sigmar Gabriel, sondern auch gegen Rot-Grün in Berlin, also wieder gegen Schröder. Es könnte klappen. Die Stimmung ist gegen Berlin, und damit für die CDU, also für Christian Wulff. Aber nur eine "Denkzettelwahl", das ist ihm zu wenig. Obwohl es am Ende schließlich egal ist, warum einer gewonnen hat. Den Sieger fragt man nicht. "Wir wollen die Richtung der Politik ändern", sagt er.

Doch so weit ist es längst nicht. Noch immer steckt vielen CDU-Mitgliedern die Erfahrung der verlorenen Bundestagswahl in den Gliedern. Mancher erinnert sich an Schröders hemdsärmeligen Satz, dass er schließlich nicht die Umfragen gewinnen wolle, sondern die Wahlen. Und auch Wulff ist auf der Hut. Schwarz-gelb in Hannover sei längst nicht sicher, es könne auch ein Foto-Finish geben. Vorsichtshalber spricht er von Bescheidenheit und Demut, von Seriosität, Verlässlichkeit und Vertrauen. Seht her, heißt die Botschaft, ich bin nicht so sprunghaft wie der Gabriel. Dessen Vorschläge hätten eine Haltbarkeitszeit, die nicht mal reiche, bis eine Zeitung sie veröffentlicht habe. Auf mich könnt ihr bauen, signalisiert er den eigenen Mitgliedern; es tue gar nicht weh, sich für die CDU zu entscheiden, bedeutet er den potenziellen Unionswählern.

Politik ist manchmal verrückt: Jahrelang hatte Christian Wulff mit dem Image des Farblosen, Faden, Nichtssagenden zu kämpfen. Nun scheint es plötzlich, als könne ihm all das zum Vorteil gereichen. In unsicheren Zeiten wirkt einer, der sich treu geblieben ist, wie ein Segen. Einer, der von sich behauptet, "in Verantwortung noch nie eine Mark Schulden" gemacht zu haben.

Der will, und zwar seit langem, dass lieber alle wenig Steuern zahlen, als dass keiner mehr die hohen Steuern zahlen kann. Lieber befristete Arbeit mit weniger Kündigungsschutz als gar keine Arbeit. Der allerorten versammelte CDU-Mittelstand hört dies gern. Was Wulff im Ungefähren lässt, geht dann leicht unter. Wie das mit dem Gentest für Ladendiebe gemeint war, den sein Minister für Innere Sicherheit in spe vorgeschlagen hat, zum Beispiel. Zu Passfoto und Fingerabdruck komme im 21. Jahrhundert eben der genetische Fingerabdruck, um Straftäter zu erfassen, antwortet Wulff. Keiner nimmt zur Kenntnis, dass er damit den inzwischen eigentlich zurückgenommenen Vorschlag seines designierten Ressortchefs Uwe Schünemann wieder bekräftigt, zumindest aber nicht dementiert. Oder seine Äußerungen zu einem Irak-Krieg. Während sich Sigmar Gabriel im TV-Duell forsch dagegen ausspricht, "egal, was in den UN beschlossen wird", will Christian Wulff sich nicht festlegen, wie die Bundesregierung zu entscheiden habe. Das klingt sehr diplomatisch. Die Niedersachsen-Union jedenfalls ruft ihn auf dieser Grundlage vorab zum Sieger aus: Wulff habe "Ministerpräsidentenformat" gezeigt.