Es gab Zeiten, da hätte vor der Tür des kleinen türkischen Restaurants in Berlin-Mitte eine gepanzerte Limousine des Bundeskriminalamtes gewartet. Am Nebentisch hätten zwei sprungbereite Herren mit Knopf im Ohr vor ihren Wassergläsern gesessen. Es gab Zeiten, da wäre vielleicht keine Zeit für ein fast dreistündiges Treffen gewesen. Oder er wäre eine halbe Stunde zu spät gekommen.

Diese Zeiten sind seit mehr als sechs Monaten vorbei. Cem Özdemir, 37, sitzt an einem Tisch neben der Eingangstür. Er isst ein vegetarisches Gericht mit Jogurt, und der dickere Herr, der am Tisch nebenan Bier trinkt, hat sicher keinen Knopf im Ohr. Özdemir trägt jetzt kein Sakko, keine Krawatte mehr, und er wirkt entspannter als an jenem 26. Juli.

Damals war Cem Özdemir bleich und übernächtigt. Es war der Tag, an dem der grüne Bundestagsabgeordnete, deutschtürkische Vorzeigepolitiker und einer der Profiliertesten aus der Generation der Gastarbeiterkinder vor die Bundespressekonferenz trat, um zu gestehen, er könne den Vorwurf, dienstlich erworbene Bonusmeilen für Privatflüge verwendet zu haben, nicht entkräften. Und um zu erklären, er habe mit sofortiger Wirkung seine Funktion als innenpolitischer Sprecher der Grünen niedergelegt und werde auch dem nächsten deutschen Bundestag nicht mehr angehören.

Cem Özdemir wirkte, als sei ihm gar nicht bewusst, dass er da mit ein paar lapidaren Sätzen seine politische Karriere fürs Erste beendete. Eine Ausnahmekarriere: Sohn türkischer Einwanderer, mit 15 Jahren Eintritt bei den Grünen, Annahme der deutschen Staatsbürgerschaft, mit 23 im grünen Landesvorstand, mit 28 Bundestagsabgeordneter. Cem Özdemir, Etikett "anatolischer Schwabe", der je nach Lage zwischen Türkisch, Schwäbisch und Schriftdeutsch mit schwäbischer Färbung wechseln kann, den Otto Schily seinen Freund und ein Musterbeispiel gelungener Integration nannte. Einer, den andere Parteien mit Kusshand genommen hätten, den viele schon als Staatssekretär sahen. Der von den Medien gehätschelt wurde. Bis zu dieser Woche im Juli 2002.

Özdemir bestellt sich auf Türkisch ein Wasser.

Es war richtig zurückzutreten, sagt er. Viele hätten es anders gesehen. Freunde, Bekannte, fast alle hätten gesagt, das sei doch zu früh gewesen, da hätte man doch noch was machen können. So was, sagten ein paar sogar, sitze man doch aus.

Journalisten sagten, dass sie seinen Rücktritt bedauerten

Monate später, am Tag der Bundestagswahl, kreuzten in seinem Ludwigsburger Wahlkreis 5,1 Prozent seinen Namen an. Obwohl die Grünen vom Kreisverband ihn das letzte Mal im Juli gesehen hatten, als er den Wahlstand auf dem Ludwigsburger Marktplatz fluchtartig verließ, per Handy darüber informiert, dass sein Kredit bei dem PR-Berater und Rüstungslobbyisten Moritz Hunzinger ins Gerede gekommen war. Und obwohl er den Ludwigsburgern ausrichten ließ, sie sollten ihre Stimmen nicht ihm, sondern dem SPD-Kandidaten geben.

Trotzdem, sie wählten ihn in den Bundestag. Auf der Bank im türkischen Restaurant sitzt ein Wahlsieger. Natürlich, er nahm die Wahl nicht an. Und bekam liebevoll-empörte Briefe, in denen Leute schrieben, sie würden, bitte schön, gern selbst entscheiden, wen sie wählten.

Er erzählt es mit einem Lächeln.

Das tut Ihnen gut?

Ja, sagt er. Das ist besser, als wenn man geht und alle denken: Endlich sind wir ihn los. Vor allem die Journalisten kamen bei mir vorbei: Wir wollten doch nicht deinen Rücktritt.

Die Journalisten.

Herr Özdemir, wenn es keiner wollte, warum sind Sie denn zurückgetreten?

Man darf nicht vergessen, sagt er, es war die Zeit, als Verteidigungsminister Rudolf Scharping wegen seiner finanziellen Beziehungen zu Hunzinger gehen musste, als SPD und Grüne bei den Umfragen nicht besonders rosig dastanden. Und dann erscheinen schlechte Schlagzeilen über mich.

Özdemir beugt sich vor. Denken Sie nur, sagt er, Rot-Grün hätte die Wahl knapp verloren, und Sie würden mich jetzt fragen: Wie fühlen Sie sich als jemand, der wahrscheinlich dazu beigetragen hat?

Seine Stimme wird heftig. Ob Sie es glauben oder nicht, das war für mich der entscheidende Grund.