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Zur Einstimmung zwei Beispiele: "Auf die Liste der politischen Gebilde, die ausersehen sind, im Urinal der Geschichte runtergespült zu werden, müssen wir auch die Europäische Union und Frankreichs Fünfte Republik setzen. Die Frage ist nur, wie unerquicklich ihre Auflösung werden wird" (Mark Steyn, Jewish World Review, 1.5.2002). Oder: "Wollen Sie wissen, was ich wirklich über die Europäer denke? Ich denke, sie haben sich in jeder wichtigeren internationalen Frage der letzten 20 Jahre geirrt" (Martin Walker, UPI, 13.11.2002).

Ob in Boston, New York, Washington, in Kansas oder im Bibelgürtel: Wenn von Europa und den Europäern die Rede ist, kommt Gereiztheit auf. Sie übertrifft die letzte Verstimmung in den frühen achtziger Jahren bei weitem. Um "die Europäer" oder auch "die Euros", "die Euroiden", die "Eurowürstchen" anzuprangern, taucht man die Schreibfedern in Säure. Richard Perle, Vorsitzender des Defense Policy Board und ein führender Theoretiker der Bush-Regierung, bemängelt, Europa habe seinen "moralischen Kompass" verloren. Europäer gelten als Weichlinge, schwach, querulantisch, heuchlerisch, zerstritten, zuweilen antisemitisch. Zu oft erweisen sie sich als antiamerikanische Beschwichtiger. Sie sind halt "Eurowürstchen". Sie haben ihre Werte in multilateralen, transnationalen, säkularen und postmodernen Spielereien verloren. Statt für Verteidigung geben sie ihre Euros für Wein, Urlaub und aufgeblähte Wohlfahrtsstaaten aus. Und dann johlen sie von den Zuschauerrängen, während die USA das schwierige und schmutzige Geschäft erledigen, in der Welt für Sicherheit zu sorgen – auch für die Europäer. Die Amerikaner dagegen sind starke, prinzipiengeleitete Verteidiger der Freiheit, aufrecht im Dienst für das Vaterland, den letzten wahrhaft souveränen Nationalstaat der Welt.

Die Achse der Beschwichtigung

Die sexuelle Konnotation dieser Stereotypen wäre eine Untersuchung wert. Sehen antiamerikanische Europäer "die Amerikaner" als tyrannische Cowboys, so sehen antieuropäische Amerikaner "die Europäer" als warme Brüder. Der Amerikaner ist ein viriles, heterosexuelles Mannsbild, der Europäer ist weiblich, impotent oder kastriert. Vor allem militärisch kriegen die Europäer keinen hoch. Das Wort "Eunuchen" findet auch in der Form "EU-nuchen" Verwendung. Die sexuelle Metaphorik schleicht sich sogar in durchdachtere Darstellungen der europäisch-amerikanischen Meinungsverschiedenheiten ein. Unter dem Titel Macht und Schwäche schrieb Robert Kagan einmal in der Policy Review: "Amerikaner sind vom Mars, Europäer von der Venus." Er zitierte damit den Bestseller, der das Verhältnis der Geschlechter auf die Formel gebracht hatte, Männer seien vom Mars, Frauen von der Venus.

Die schlimmsten Beschimpfungen sind für die Franzosen reserviert. Der alte englische Zeitvertreib des Franzosenschmähens drang in die amerikanische Populärkultur ein. Unter amerikanischen Jugendlichen grassiert ein seltsames Vorurteil: Die Franzosen waschen sich nicht. "Ich fühlte mich ganz schön schmutzig", erzählte eine Studentin von ihrer Frankreich-Reise. "Trotzdem warst du immer noch sauberer als die französischen Typen", fügte ein anderer hinzu. Der Herausgeber von National Review Online und selbst ernannte konservative "Frosch-Verächter" Jonah Goldberg hat die Bezeichnung der "Käse fressenden Äffchen mit Totstellreflex" populär gemacht, die schon in einer Folge der Simpsons auftauchte.

Der amerikanische Antieuropäismus ist jedoch nicht mit dem europäischen "Antiamerikanismus" identisch. Man muss zwischen einer legitimen und informierten Kritik an der EU und einer tiefer sitzenden, eingefleischten Feindseligkeit gegenüber Europa unterscheiden. So wie amerikanische Journalisten zwischen legitimer, informierter europäischer Kritik an der Bush-Regierung und Antiamerikanismus oder auch zwischen legitimer europäischer Kritik an Scharons Regierungspolitik und Antisemitismus unterscheiden sollten – was sie aber oft nicht tun. Die Frage lautet jedenfalls: Wo verläuft die Grenze?

Wir müssen uns vor allem Sinn für Humor bewahren. Ein Grund, warum die Europäer gern über George W. Bush lachen, sind seine lustigen Äußerungen (oder angeblichen Äußerungen). Zum Beispiel: "Das Problem mit den Franzosen ist doch, dass sie kein Wort für entrepreneur haben." Die Amerikaner wiederum lachen auch deshalb gern über die Franzosen, weil es in einer langen angelsächsischen Tradition des Spottens steht, die bis Shakespeare zurückreicht. Doch auch das ist nicht ohne. Konservative beleidigen manchmal humorvoll, halb ernst oder ziemlich ernst. Wenn man protestiert, antworten sie: "Das war natürlich nur ein Scherz!" Humor arbeitet mit der Übertreibung und spielt mit Stereotypen. Doch würde man lachen, wenn ein europäischer Journalist "die Juden" als "Matzen fressende Äffchen mit Totstellreflex" bezeichnete? Der Kontext ist selbstverständlich ein anderer: Einen Völkermord an den Franzosen hat es in den USA nicht gegeben. Das Gedankenexperiment gibt dennoch zu denken.

Der Antieuropäismus bildet keine Parallele zum Antiamerikanismus. Das Leitmotiv des Antiamerikanismus ist mit Neid durchsetzter Groll; die des Antieuropäismus mit Verachtung durchsetzte Gereiztheit. Antiamerikanismus ist für einzelne Länder geradezu eine Obsession – besonders für Frankreich. Der Antieuropäismus ist weit davon entfernt, eine amerikanische Obsession zu sein. Tatsächlich ist die am weitesten verbreitete amerikanische Haltung gegenüber Europa eine leichte, wohlwollende Gleichgültigkeit, untermischt von beeindruckender Unwissenheit.

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Europa ist selbst denjenigen, die den Kontinent gut kennen, seit dem Ende des Kalten Kriegs gleichgültiger geworden. Europa wird weder als starker Verbündeter noch, wie China, als ein ernst zu nehmender Konkurrent angesehen. "Europa ist ein Altersheim" oder, wie der Experte der Konservativen, Tucker Carlson, in einer politischen Talkshow auf CNN meinte: "Wen schert es, was die Europäer denken? Die EU vertut ihre Zeit damit, dafür zu sorgen, dass britische Wurst in Kilo und nicht in Pfund verkauft wird. Der ganze Kontinent ist für amerikanische Interessen zunehmend irrelevant." Amerikanische Kritiker Europas stehen Europa jedoch keineswegs gleichgültig gegenüber. Sie kennen Europa – anscheinend hat die Hälfte von ihnen in Oxford oder Paris studiert – und beeilen sich stets, ihre europäischen Freunde zu erwähnen. Wie die europäischen Kritiker der USA immer heftig bestreiten, dass sie antiamerikanisch eingestellt seien ("Verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe das Land und die Leute"), bestehen auch die Amerikaner ausnahmslos darauf, dass sie überhaupt nicht antieuropäisch seien.

Antiamerikanismus und Antieuropäismus sind Pole des politischen Spektrums. Der europäische Antiamerikanismus findet sich hauptsächlich auf der Linken, der amerikanische Antieuropäismus auf der Rechten. Die meisten amerikanischen Europa-Kritiker sind Neokonservative und benutzen gegen Europa dieselbe Kampfrhetorik wie gegen Liberale. William Kristol, einer dieser Neokonservativen, macht "eine Achse der Beschwichtigung" aus, "die sich von Riad bis Brüssel und hin zum Foggy Bottom (Außenministerium) erstreckt". Es gibt zwei Gruppierungen, die um Präsident Bushs Gehör in der Irak-Frage konkurrieren: die "Cheney-Rumsfeld-Gruppe" und die "Powell-Blair-Gruppe", die eine radikal, die andere etwas gemäßigter. Für atlantisch orientierte Europäer ist das aber kein Trost, denn selbst unter den liberalen Europa-Kennern des Außenministeriums herrscht herbe Enttäuschung über Europa. Ihr Schlüsselerlebnis war Europas entsetzliche Unfähigkeit, den Genozid an einer viertel Million bosnischer Muslime auf dem Balkan zu verhindern. Europa kann nicht einmal seine Außen- und Sicherheitspolitik koordinieren, sodass selbst ein Streit zwischen Spanien und Marokko um eine unbewohnte Insel von Colin Powell geschlichtet werden musste.

Kein Respekt vor den Griechen

Es gab immer eine starke Strömung des Antieuropäismus in den USA. "Amerika wurde als Gegenmittel zu Europa geschaffen", stellt Michael Kelly, der ehemalige Herausgeber des Atlantic Monthly, fest. Für Millionen Amerikaner war Europa im 19. und 20. Jahrhundert der Ort, dem man entfloh. Trotzdem war Europa auch Gegenstand dauernder Faszination. Vor allem zwei europäischen Ländern wollte man nacheifern und sie übertreffen – England und Frankreich. "Jedermann hat zwei Länder", sagte Thomas Jefferson, "sein eigenes und Frankreich." Wann sind die USA von dieser sympathischen Überzeugung abgekommen?

Fünfzig Jahre lang, von 1941 bis 1991, führten Amerikaner und Westeuropäer Krieg gegen einen gemeinsamen Feind: zuerst gegen den Nationalsozialismus, dann gegen den Sowjetkommunismus. Das war die Glanzzeit des geopolitischen "Westens". Während des Kalten Kriegs kam es allerdings auch zu transatlantischen Spannungen. Einige der heutigen Stereotypen bildeten sich in den Kontroversen der achtziger Jahre um die Aufstellung von Cruise-Missiles und Pershings – und um die amerikanische Außenpolitik in Zentralamerika und Israel.

Der Australier Owen Harries sah vor fast zehn Jahren in einem Artikel in Foreign Affairs etwas vorher, dessen Zeugen wir womöglich jetzt sind: den Niedergang "des Westens", jenes Westens als einer verlässlichen geopolitischen Achse, die mit dem Verschwinden eines gemeinsamen Feindes zerbricht. Europa war die Hauptbühne des Zweiten Weltkriegs und des Kalten Kriegs, es ist nicht der Mittelpunkt des "Kriegs gegen den Terrorismus". Die Machtlücke ist größer geworden. Die USA sind nicht nur die einzige Supermacht der Welt. Sie sind eine Hypermacht, deren Militärausgaben bald das Volumen der 15 nach ihr mächtigsten Staaten insgesamt erreicht haben werden. Die EU hat ihre vergleichbare ökonomische Stärke nicht annäherungsweise in militärische Stärke oder außenpolitischen Einfluss umgesetzt.

Folgt man Robert Kagan, dann bewegt sich Europa in eine kantianische Welt der "Gesetze und Regeln und transnationalen Verhandlungen" hinein, wohingegen die USA in einer hobbesschen Welt verharren, in der internationale (auch liberale) Ziele nach wie vor durch militärische Stärke errungen werden. Stimmt das? Kagan rückt Europa in allzu günstiges Licht. Seine Formel hebt etwas in den Rang einer überlegten, geschlossenen Konzeption, was in Wirklichkeit Folge konfusen Herumexperimentierens und nationaler Unterschiede ist. Weitere Frage: Möchten Europäer und Amerikaner, dass Kagans These zutrifft? Die Antwort scheint "ja" zu lauten, denn nicht wenige amerikanische Ideologen liebäugeln damit, während nicht wenige europäische Ideologen gern von sich glauben machen, sie seien immer schon "Kantianer" gewesen. Die Rezeption von Kagans These ist also Teil ihrer eigenen Geschichte.

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Da die EU vor ihrer Erweiterung nach einer klareren Identität sucht, ist die Versuchung groß, sich im Kontrast zu definieren: Europa klärt sein Selbstbild, indem es auflistet, worin es sich von Amerika unterscheidet. Den Amerikanern gefällt es aber nicht, als das "Andere" bestimmt zu werden (wem gefällt das schon?). Frankreich und die USA sind die Nationen, die sich beide als Träger einer Mission in Sachen Universalismus und Zivilisation betrachten. Es gibt eine nicht unbedingt französische, aber europäische Version dieser Mission, ein "EU-topia" der transnationalen, im Recht begründeten Integration, und die kollidiert derzeit äußerst heftig mit der neuesten Version einer amerikanischen Mission. Jede Seite glaubt, ihr Modell sei besser. Dies gilt nicht nur für die konkurrierenden Modelle der internationalen Politik, sondern auch für die Modelle des demokratischen Kapitalismus: Es betrifft die unterschiedlichen Anteile von freiem Markt und Wohlfahrtsstaat, von individueller Freiheit und sozialer Solidarität. Das amerikanische Misstrauen gegenüber Europa war im 19. und 20. Jahrhundert noch mit Bewunderung und Faszination gemischt. Es gab einen kulturellen amerikanischen Minderwertigkeitskomplex. Diesen Minderwertigkeitskomplex gibt es kaum noch. Er hat sich seit dem Ende des Kalten Kriegs verflüchtigt. Das neue Rom verspürt keine Ehrfurcht mehr vor den alten Griechen.

Die Differenz wurde nach dem Fall der Berliner Mauer acht Jahre lang durch den Ehren-Europäer im Weißen Haus, durch Bill Clinton, verdeckt. 2001 indessen zog George W. Bush, das Geschenk für jeden antiamerikanischen Karikaturisten, mit einer unilateralen Agenda in das Weiße Haus ein, bereit, gleich mehrere internationale Abkommen über Bord zu werfen. Nach dem 11. September definierte er seine Präsidentschaft als eine Präsidentschaft in Kriegszeiten. Der "Krieg gegen den Terrorismus" verstärkte die Tendenz in der republikanischen Elite, an eine, wie Robert Kaplan sagt, "Kriegerpolitik" zu glauben, mit einem kräftigen Schuss fundamentalistischen Christentums – etwas, das dem säkularisierten Europa abgeht.

Nahostkonflikt als Wurzel

Die amerikanische Frage an die Europäer lautet also: "Seid ihr mit uns in den Schützengräben oder nicht?" Zuerst war die Antwort ein lautes Ja. Jeder kennt die Überschrift von Le Monde,Wir alle sind Amerikaner. Doch eineinhalb Jahre später ist Tony Blair das einzige europäische Staatsoberhaupt, von dem die Amerikaner glauben, er liege mit ihnen im Graben. In Washington haben viele den Eindruck, dass die Franzosen zu ihren alten antiamerikanischen Einstellungen zurückgekehrt sind und dass der deutsche Kanzler Gerhard Schröder seine Wiederwahl im September 2002 nur durch zynische Ausnutzung antiamerikanischer Reflexe gewann.

Wann und wo haben sich europäische und amerikanische Ansichten endgültig voneinander entfernt? Mit der Eskalation des israelisch-palästinensischen Konflikts im Nahen Osten. Der Nahe Osten ist Quelle wie Katalysator für das, was eine Abwärtsspirale des europäischen Antiamerikanismus und des beginnenden amerikanischen Antieuropäismus zu werden droht. Der Antisemitismus in Europa und seine offensichtliche Verbindung mit der Kritik an Scharons Regierungspolitik ist von konservativen Kolumnenschreibern und Politikern in den USA mit ätzenden Kommentaren gewürdigt worden. Einige dieser Kritiker sind selbst nicht bloß stark proisraelisch, sondern auch "natürliche Likud-Anhänger", wie ein liberaler jüdischer Journalist das nannte. Propalästinensische Europäer, die aufgebracht sind, dass ihre Kritik an Scharon als Antisemitismus etikettiert wird, sprechen von einer mächtigen "jüdischen Lobby" in den USA. Das wiederum bestätigt den schlimmsten Verdacht amerikanischer Likud-Anhänger, was den europäischen Antisemitismus betrifft. Und so geht es immer weiter.

Neben dem Gewirr der Vorurteile gibt es natürlich auch reale europäisch-amerikanische Unterschiede in der Sicht auf den Nahen Osten. Europäische Ideologen denken oft, eine Verhandlungslösung des israelisch-palästinensischen Konflikts trüge mehr zu einem langfristigen Sieg über den Terrorismus bei als ein Krieg gegen den Irak. Wichtiger ist hier aber, dass der Kalte Krieg Amerika und Europa zusammengeführt hatte, sie der "Krieg gegen den Terrorismus" im Nahen Osten jedoch auseinander bringt. Nüchtern betrachtet, ist diese Uneinigkeit dumm. Europa mit seiner wachsenden islamischen Bevölkerung hat ein vitaleres Interesse an einem friedlichen, wohlhabenden und demokratischen Nahen Osten, als es die USA haben. Augenblicklich scheint es, als würde ein neuer Golfkrieg die Kluft zwischen Europa und Amerika noch vergrößern. Und selbst wenn es zu keinem Krieg kommen sollte, kann der Nahe Osten weiterhin den Strudel bilden, in dem ein wirklicher oder angeblicher europäischer Antiamerikanismus einen wirklichen oder angeblichen amerikanischen Antieuropäismus anheizt, der wiederum weiteren Antiamerikanismus hervorruft – und beide von Vorwürfen eines europäischen Antisemitismus verschärft werden.

Eine Änderung ließe sich durch Anstrengungen auf beiden Seiten des Atlantiks – oder durch einen Regierungswechsel in Washington im Jahr 2005 oder 2009 herbeiführen. Zuvor kann jedoch großer Schaden angerichtet werden, und die derzeitige transatlantische Entfremdung ist auch Ausdruck der erwähnten tiefer reichenden historischen Trends. Der amerikanische Antieuropäismus existiert, und seine Boten sind vielleicht die Schwalben eines langen, schlechten Sommers.

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Der englische Historiker Timothy Garton Ash lehrt in Oxford und wurde bei uns durch seine Bücher über das Ende des Ostblocks bekannt. Übersetzt von Karin Wördemann