Biografie als Geschichte.

Ein sonorer Begriff, doch passt er perfekt zum Urgestein aller journalistischen Urgesteine, Ernst "Ernie" Cramer, der in dieser Woche seinen 90. Geburtstag feiert. Die Tragödie der Deutschen war sein Leben: Naziverfolgung, Buchenwald, Flucht, Dienst in der US-Armee, Rückkehr über die Normandie, Chefredaktion der Neuen Zeitung, Schuften für das neue, liberale Deutschland, seit 1957 in leitenden Positionen bei Springer, wo er dem Gründer seine frühen national-neutralistischen Instinkte ausreden konnte.

Von sich selbst sagt er: "Ich bin etwas, was es eigentlich gar nicht geben kann: Ich bin ein deutscher Jude, auch wenn es die Nazis nicht wollten."

Gemessen an diesem deutschen Patrioten, haben die Jüngeren keine "Biographie". Es fehlen die Verluste, Tragödien und Neuanfänge. Das war ein Segen sondergleichen, aber nicht unbedingt herausfordernd oder charakterbildend. Happy birthday, Ernie.

Russisch statt bayerisch.

Es stört nicht, dass sich die CSU selbst am besten lobt - so wie jetzt beim zehnjährigen Amtsjubiläum von Michael Glos, dem Chef der CSU-Landesgruppe im Bundestag. Niemand nimmt der "Sturmtruppe der Opposition" das übel, denn sie hat die Spezialisten für fröhliche Abende. Dem Lob, unter dem Michael Glos von seinen Festrednern begraben wurde, fehlte nie der bayerische Unschuldsblick, und die Spottlust, mit der sie ihn traktierten, brachte ihre politische Schläue wie gewohnt zur Geltung. Diese Mischung garantierte ein politisches Kabarett, das die Bayern selbst am meisten genossen. "Ach Gott, ist das herrlich", seufzte der Tischnachbar aus München unter Tränen.

Zweieinhalb Stunden lang wurde Michael Glos' Einmaligkeit als Chef der Sturmtruppe der Opposition gepriesen, ohne dass die Gaudi aufhörte. Auch Angela Merkel ließ sich davon anstecken. Wie sehr sie unter der Obhut ihres Stellvertreters Glos der bayerischen Seele näher gekommen ist, verrieten ihre freundlichen Sottisen. "Ihr könnt als Bayern zutreten", bescheinigte sie ihnen, "aber ihr tretet nicht nach." Nachdem der Kanzlersänger Elmar Brandt mit seinem Steuersong die allgemeine Seligkeit auf den Höhepunkt getrieben hatte, sprang die Oppositionschefin vor Begeisterung aufs Podium und hielt ihre Lob- und Dankrede auf den Kollegen Glos noch einmal auf Russisch. Die Bayern waren hingerissen, mit ihnen die Journalisten. Neunzig waren eingeladen, neunzig waren gekommen. So ist das bei der CSU: Sie weiß, wem sie in trüben Zeiten Freude macht.