Zu Haus im Lehnstuhl reist es sich besser", seufzte ein melancholischer Zeitgenosse, als er dem Taxi entstieg, das ihn von der Gare de Lyon zum Hotel in der Rue de l'Université befördern sollte. Eineinhalb Stunden lang war das Gefährt von Stau zu Stau geholpert, immer hinter den Bussen mit ihren schwarzen Rauchfahnen her. Die Metro zu nehmen verbot ihm der Koffer, schwer von Büchern. Überdies wollte er Paris sehenden Auges guten Tag sagen. Er liebte die Stadt, freilich mit gedämpfter Passion, trotz ihrer schwelgerischen Schönheiten und ihrer dramatischen Widersprüche, weil ihn die nervöse Gereiztheit so vieler ihrer Bürger zuweilen verstörte.

So spaziert er nun über die Boulevards, ohne sich von der Stelle zu rühren, Johannes Willms' unübertroffene Geschichte der Stadt vor der Lesebrille oder Jacques Hillairets zweibändigen Dictionaire Historique des Rues de Paris auf dem Schoß, ein Wunderwerk, in dem das Geschick aller Straßen und Plätze, ja der Häuser und ihrer bedeutenden Bewohner skizziert ist. Schließlich griff der virtuelle Flaneur - als gebe es nicht tausend andere Bücher über die Zauberstadt an der Seine - nach Karl Heinz Götzes Studie Immer Paris, das eine Melange von Geschichte und Gegenwart verspricht.

Das Buch ist kein Essay, wie der Autor versichert, denn es verficht keine These, es erhebt keinen wissenschaftlichen Anspruch, es ist auch kein Reiseführer, sondern die geordnete Sammlung der Beobachtungen und Reflexionen eines Stadtwanderers, der viel sieht, viel weiß und sich sein Teil dazu denkt. Der prominenteste Partner eines imaginären Disputs auf seinen einsamen Wegen ist Friedrich Sieburg, dessen "Modell vom altmodischen, aber darum wunderbaren Paradies Frankreich" - so Götzes allzu schlichte Summierung eines differenzierten Werkes - der Spaziergänger durch die Konfrontation mit dem zeitgenössisch vitalen, oft genug ruchlos modernen Paris ein ums andere Mal widerlegt. In seinem Eifer rennt er manche offenen Türen ein. Zum Beispiel ist es nicht ganz neu, dass die Behauptung, der Deutsche lebe, um zu arbeiten, während der Franzose arbeite, um zu leben, längst nicht mehr zutrifft (wenn sie es denn jemals tat).

Wo der Tourist nicht hinkommt Götze zeigt keinen Hang zu teutonischer Systematik. Er schreitet nicht pedantisch Viertel um Viertel ab. Auf einige der Arrondissements fällt kaum ein Blick: zum Beispiel das 20., in dem - wo sonst in Europa? - mitunter noch ein unverfälschtes Jiddisch zu hören ist, oder auf das 16., in dem der alte und der neue Reichtum koexistieren. Warum Götze den Champs-Elysées ein solch ausladendes Kapitel gewährt, ist nicht leicht ersichtlich, denn der Mythos dieser Straße aller Straßen ist längst zerfallen, und seine Reste sind mit den grell-vulgären Farben der Massenattraktion übermalt (wie es dem Kurfürstendamm in Berlin nicht anders erging). Wunderlich, wie grimmig Götze mit den lasziven Allüren des dort anzutreffenden Jungvolkes rechtet - Jeans, die "einen Daumen breit über dem Schamhaar enden" -, als ob die Mode nicht eh und je mit Reizen gespielt hätte, die eine Lockung, selten eine Einladung oder gar ein Versprechen waren (nur an die entblößten Busen der Damen des Empire in ihren klassizistischen Gewändern zu denken).

Lohnender ist der Ausflug in den Pariser Norden, zur Goutte d'or, dem Quartier, in dem die afrikanischen Einwanderer, die legalen und illegalen, und die Zuwanderer aus der Karibik dominieren. Es ist wahr: Für gewöhnlich gerät kein Tourist in jene Gegend, es sei denn, er will eine Inszenierung Luc Bondys in Peter Brooks Theater Bouffes du Nord nicht versäumen. Kein Viertel zum Flanieren, wie Götze zu Recht bemerkt, falls man nicht die Sensationen des Elends, die bizarre Gesellschaft von Alkoholikern, Straßenmädchen und Strichjungen sucht oder die düstere Präsenz der Drogenhändler, die bedrohliche Nähe der Kleinkriminalität. Das Gewürfel der Kulturen und die Vielfalt der Hautfarben haben ohne Zweifel ihren eigenen Charme. Mit der Buntheit der Szene gewinnt auch die Prosa von Karl Heinz Götze Farbe und Temperament. In der Regel schreibt er eher unterkühlt. Urbanes Neuland erschließen seine Notizen aus den Entwicklungsrevieren Bercy (um das Finanzministerium) oder Tolbiac (im Schatten der très grande bibliothèque des Präsidenten Mitterrand, die ein monumentaler Albtraum ist) - doch so recht in seinem Element fühlt sich der Professor, der in Aix en Provence deutsche Literatur lehrt, erst wieder im Quartier Latin, dem Turnierplatz der Literaten, der Philosophen, ihrer Schüler, ihrer Musen, ihrer Groupies.

Wohl merkt Götze an, das Paris der Proletarier existiere nur noch auf einigen Inseln in der großen Bürostadt. Doch nirgendwo beschreibt er den beharrlichen Exodus der kleinen und mittleren Bürger in die Banlieue. Kein Exkurs in die villes nouvelles weit draußen vor den Toren, die nicht nur die Schlafstädte seufzender Exilanten sind, die vor den unbezahlbaren Mieten, vor dem Lärm, vor der verpesteten Luft der alten Quartiers in die betonierte Langweile der Hochbauten oder das normierte Idyll der Reihenhäuschen flohen. Die Vorstädte gewannen unterdessen ein Eigenleben, das mit Paris genauso verwachsen ist, wie es die klassischen Viertel der 20 Arrondissements innerhalb der immer noch unverrückbaren Stadtgrenzen sind. In Wahrheit lässt sich Paris ohne die villes nouvelles (samt den Arsenalen der casseurs, der Hooligan-Brigaden, die von Zeit zu Zeit ins Zentrum einfallen), lässt sich vor allem ohne La Défense, das kleine Manhattan jenseits der Seine, nicht länger denken - eine Realität, die in jedes Paris-Buch gehört, das eine neue Sicht öffnen will.

In seinem Vorwort stellte Götze bescheiden fest, dass "eine einheitliche, große Erzählung ... sich aus Paris nicht mehr machen" lasse. Aber warum nicht?