Der völlig vergessene Dichter Matthisson ist in einem Dorf geboren, das auch nicht leicht zu finden ist, in Hohendodeleben bei Magdeburg, sein Vater war dort Pfarrer, die Kirche steht noch, wenn man hinein will, muss man über die Felder, die Gegend ist die agrarischste der Welt, irgendwo trifft man dort dann auf einen, der den Schlüssel zur Kirche hat. Die Kirche, ein wunderschöner flach gewölbter Saalbau, sieht sonst im Innern ein bisschen gottverlassen aus, aber gerade bei Kirchen stört das ja oft gar nicht so sehr. Das Pfarrhaus neben der Kirche gibt es auch noch, bewohnt, die Leute zeigen gern eine nicht ganz vollständige Matthisson-Ausgabe

und ein altes Schild, auf dem steht, dass hier Matthisson geboren ist, findet man auch, wenn man es sucht.

Matthisson, der in zweiter Ehe die Tochter des Wörlitzer Garteninspektors Schoch geheiratet hatte und vorher schon, als noch junger Mann, jahrelang Lehrer am berühmten Philantropin in Dessau gewesen war, lebte dann, wenn auch mit Unterbrechungen, gern in dieser Gegend, und man schätzte den berühmten Mann. Ein wirklich bezauberndes Bauwerk am Rande des Wörlitzer Parks ist die einst romanische, dann, als Matthisson gleichsam hineinheiratete in den Park, neugotisch umgebaute Kirche. Als man sie vor ein paar Jahren renovierte und dabei den goldenen Dachknauf öffnete, fand man darin, und sonderbar gerührt habe ich das Papier in der Hand gehabt (es lag beim Pfarrer, der gerade verreist war), einen Zettel mit den Begebenheiten dieser Jahre des Umbaus: einen Zettel von Matthissons Hand.

Schöne Jahre verbrachte Matthisson am Genfer See, meistens unterhielten ihn, als gebildeten Reisebegleiter, liebenswürdige Fürstinnen, die aber mitunter auch ein wenig eifersüchtig sein konnten

Luise aus Dessau zum Beispiel gefiel Matthissons Heirat mit der jungen Wörlitzer Garteninspektorstochter nicht besonders. Aber es fand sich ein neuer Gönner, der württembergische König, und Matthisson wurde Theaterintendant und Oberbibliothekar in Stuttgart. Später, 1829, er war Ende sechzig, zog er sich zu einem ruhigen Ausleben nach Wörlitz zurück, zwei Jahre später starb er dort, auf dem kleinen Friedhof am Rand der Stadt liegt er begraben. Als ich das erste Mal dort war, gleich nach der Wende, war das Grab so bemoost, dass kein Wort mehr von der Inschrift zu lesen war.

Nun zwei kleine Bücher aus Halle an der Saale, eins über Wörlitz, eins mit Gedichten von Matthisson. Das über Wörlitz enthält eine Sammlung (von Christian Eger herausgegeben, einem Literaturredakteur aus Halle) von zeitgenössischen Dichterstimmen zu dem damals neuen Wörlitzer Park, Jean Paul zum Beispiel geht in Gesellschaft dort spazieren, einer, schreibt er, habe eine Beschreibung des Parks dabeigehabt und den Park damit verglichen.

Das zweite Büchlein, ganz frisch, auch von Eger herausgegeben und vor allem von ihm mit einem sehr guten Nachwort versehen, enthält, nach einem hübschen Frontispiz (von Lips gestochen, nach einer Vorlage von Angelika Kauffmann - solche Aufmerksamkeiten machen solche Bücher so schön), 40 Gedichte von Matthisson, also 40 völlig vergessene Gedichte dieses völlig vergessenen, einst so berühmten Dichters.