Endlos zieht sich die rote Backsteinmauer in der Deutz-Mülheimer-Straße. An ihrem Anfang, Richtung Bahnhof Köln-Deutz, prangt auf einer Hauswand das Versprechen "KHD Deutz Service weltweit". Am anderen Ende, fast einen Kilometer entfernt, liegt der Haupteingang der Firma, dem dieses Viertel seinen Namen verdankt. Doch wer hinter die Werksmauer schaut, erschrickt: Da herrscht gähnende Leere. Nackter Erdboden, ein paar Betonplatten, überall sprießt Unkraut.

Nur auf einem kleinen Abschnitt des mehrere Fußballfelder großen Areals arbeiten die, die am Stammsitz von Deutz noch übrig geblieben sind. Ein Teil des Betriebs ist nach Köln-Porz verlagert worden, doch die deprimierende Leere ist auch Folge eines dramatischen Aderlasses: Mehr als 30000 Menschen arbeiteten einst für den Motoren- und Anlagenbauer, heute sind es 5500. Viele verloren in den achtziger Jahren ihren Job, aber auch in den letzten zwei Jahren mussten 800 Mitarbeiter gehen.

Auf den ersten Blick scheint da fast absurd, wenn Ökonomen und Politiker dieser Tage wieder einmal klagen: Der Kündigungsschutz in Deutschland ist zu streng. Er muss abgeschafft oder gelockert werden. An die Spitze der Bewegung hat sich Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement gestellt, der vor allem Kleinbetriebe vom Kündigungsschutz ausnehmen will. Und selbst der Kanzler fordert inzwischen: Das Bündnis für Arbeit soll das Thema anpacken. Dabei wird in diesen Zeiten entlassen wie lange nicht mehr. Rund 3,3 Millionen Menschen verloren in den vergangenen zwölf Monaten ihren Job und meldeten sich arbeitslos. Kein Zweifel – man kann auch hierzulande Leute auf die Straße setzen. Doch die Kritiker sagen: Es dauert zu lange, es ist zu kompliziert, und es kostet zu viel. Unternehmen könnten nicht schnell genug auf Krisen reagieren, warnen etwa die Wirtschaftsweisen vom Sachverständigenrat. Deshalb brauchte Deutschland länger, um aus einem Tief herauszukommen, und deshalb blieben viele Menschen länger arbeitslos als etwa in den Vereinigten Staaten.

Die Gewerkschaften aber sehen gerade in dem viel zitierten Vorbild USA ein abschreckendes Beispiel: Schutz vor Kündigungen gibt es praktisch nicht, es gilt als Land des hire and fire. DGB-Chef Michael Sommer kündigte deshalb bereits erbitterten Widerstand an. Beim Kündigungsschutz gibt es keine Kompromisse. Dabei zeigt das Beispiel Deutz: Unternehmen in Not können hierzulande zwar die unterschiedlichsten Instrumente einsetzen, um ihr Geschäft wieder flott zu machen, doch diese Werkzeuge haben ihre Tücken. Der Reformbedarf steckt im Detail.

Kaum eine Firma hat mehr Krisenerfahrung als Deutz. Alles, was der hiesige Werkzeugkasten bietet, haben die Kölner ausprobiert. Seit Mitte der achtziger Jahre schlingert das Unternehmen, das einst vom Erfinder des Otto-Motors, Nicolaus August Otto, gegründet wurde, am Abgrund entlang. Erst übernahm sich die damalige Klöckner-Humboldt-Deutz AG (KHD) mit dem Kauf der Landmaschinenproduktion eines amerikanischen Konkurrenten – und setzte eine Milliarde Mark in den Sand. Dann stieg KHD zu spät und zu klotzig in die Produktion von wasser- statt luftgekühlten Dieselmotoren ein. Und 1996 brachten den Konzern milliardenschwere Verluste, die die Tochter Humboldt-Wedag vertuscht hatte, an den Rand des Ruins.

Stundenkonten nützen wenig

Damals begann der Konzern, mit unkonventionellen Methoden zu experimentieren: Um ihre Firma zu retten, verzichteten alle Beschäftigten auf fünf Prozent ihres Lohns, leitende Angestellte und Vorstand sogar auf zehn Prozent. Außerdem wurden die Arbeitszeit angehoben und Pensionsansprüche gestrichen. Im Gegenzug bekamen die Mitarbeiter Deutz-Aktien und die Garantie: Niemand wird entlassen. "Es war nicht einfach, die IG Metall von dem Konzept zu überzeugen", erinnert sich Werner Scherer, Betriebsratsvorsitzender bei Deutz. Damals war das Neuland, heute gibt es in vielen Branchen und Regionen Tarifvereinbarungen für solche Notfälle.

Das Modell "Tausche Lohn gegen sichere Arbeit" rettete die Jobs bei Deutz aber nur für ein paar Jahre. Saniert hat es das Unternehmen nicht. Viele Mitarbeiter mussten das schmerzlich an ihrem Depot erkennen: 1998 hatten sie ihre Aktien zum Vorzugspreis von 7,50 Mark bekommen, der Börsenkurs lag da bei 14 Mark; Ende 2000 war er auf weniger als 3 Euro gesunken, heute pendelt er um 1,70 Euro.