Ein Kunststück, so einfach wie hoch artifiziell. Entstanden aus dem Dialog zwischen Musik und Literatur. Kunst, die unmittelbar ins Leben eingreift, ausgetüftelt, aber glaubhaft und eindringlich. Das Drama eines blinden Menschen, der zu sehen meint, was er hören kann.

Eigentlich, stellt sich am Ende heraus, war alles noch einmal gut gegangen.

Das Paar, der blinde Musikkritiker Marius van Vlooten und seine Frau, die Geigerin Johanna Flier, hatte sich, nach einem unverzeihlichen Eifersuchtsanfall, offenbar wieder versöhnt, noch zwei Kinder bekommen und wieder, also weiter zusammengelebt. Das ließ sich aus der Todesanzeige von Johanna Flier entnehmen. Der Erzähler dieser Kreutzersonate, ein Musikwissenschaftler, liest, wie so oft in seinem Leben, auf einem Flughafen hockend, diese Anzeige. Dabei erinnert er sich: an den Streit, der die folgende Geschichte vorwegnimmt.

Ihm war es peinlich gewesen, dass der Blinde derart laut geworden war. "Wir wollen doch hier keinen Krawall machen." Schon seine riesige, gebeugte Gestalt, der glänzende Schädel strahlte "etwas Wütendes" aus. Marius van Vlooten, ein, wie es gleich in der zweiten Zeile des Buches heißt, "Patriziersohn", hatte sich als Student "einer unglücklichen Liebe wegen eine Kugel in den Kopf gejagt".

Ein Kopfschuss aus Liebe

Der blinde Musikkritiker und der, was seine Person angeht, sehr zurückhaltende Wissenschaftler, die beiden hatten sich vor zehn Jahren auf dem Brüsseler Flughafen kennen gelernt, wo sie stundenlang auf ihren Weiterflug warten mussten. Sie tranken mehr als einen Whisky, und van Vlooten erzählte seinem damals jungen Gesprächspartner die Geschichte seiner ersten großen und bis zu diesem Zeitpunkt einzigen Liebe. Das Verhältnis war für ihn überraschend auseinander gegangen. Nachdem er aber diese unumstößliche Tatsache begriffen hatte, wollte er das Ende, ebenso konsequent wie effektvoll, besiegeln. Er fuhr zu seinen Eltern, ging, bevor er aus dem Arbeitszimmer seines Vaters die Pistole holte, noch einmal zu seiner Mutter, "um", ganz Patriziersohn, "ihre Hand zu ergreifen und ihre Finger zu küssen", und kehrte dann in sein von "einer Studentenverbindung geführtes herrschaftliches Haus" zurück und setzte sich, ohne weitere Verzögerung, nur "vielleicht eine Spur zu weit hinten", die Pistole an den Kopf. Als er aus dem Koma erwachte, war er blind geworden.

Auf dem Weiterflug nach Bordeaux, Stunden später, beginnt der erwähnte Streit. Es geht um Janáceks Streichquartett Kreutzersonate und, mehr noch, um die Möglichkeiten einer biografischen Deutung musikalischer Werke. Der junge Musikwissenschaftler behauptet nämlich, Janáceks erstes Streichquartett beschreibe "Verliebtheit einer Frau. Eifersucht ihres Mannes. Mitleid des Komponisten". Van Vlooten lachte sarkastisch: "Und das haben Sie alles in der Partitur gefunden?" Es sei, so der Erzähler, "in die Noten hineingemogelt."