Wenn man ein Dichter werden will, darf man sich vor sich selbst nicht fürchten. Man muss die Haustür abschließen, die Rollos herunterlassen und das Telefon aus der Dose ziehen, damit einen das Leben nicht dabei stört, es in Literatur zu verwandeln. So hat es uns der junge Schriftsteller aus dem Nachbarhaus erklärt, als wir ihn neulich beim Bäcker trafen. "Wo die Einsamkeit aufhört, da beginnt der Markt, und wo der Markt beginnt, da beginnt der Lärm." Das war schön gesprochen, aber der Dichter sah blass aus, und der Bäcker dachte wohl das Gleiche wie wir, denn er brummte: "Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei." Wir nickten.

Es wäre auch unklug gewesen, damit herauszuplatzen, dass alles Übel letztlich nur in die Welt kommen konnte, weil Gott am Anfang derselben Meinung war wie unser Bäcker (1. Mose 2, 18). Und außerdem hatte die Vertreibung aus dem Paradies ja durchaus ihr Gutes, zum Beispiel die Liebe: Ohne Liebe kein Leid, ohne Leid keine Literatur. Doch darauf wollten wir gar nicht hinaus. Wir wollen hinaus auf die Frage, wo denn nun die Einsamkeit (Bedürfnis des Denkers) und die Gemeinschaft (Bedürfnis des Herzens), wo die Literatur und das Leben sich treffen könnten, mal abgesehen von der Bäckerei.

Antwort: zum Beispiel in der Literaturzeitschrift. Nicht in Rezensionsblättern oder geisteswissenschaftlichen Heften, sondern solchen, die hauptsächlich Prosa, Lyrik, Dramatik und Essays versammeln.

Literaturzeitschriften simulieren ein höheres Gespräch zwischen Autoren, die sich oft gar nicht kennen. Diskreter als Slam-Poetry, konkreter als Intertextualität. Als der Schriftstellerverband der DDR die Zeitschrift neue deutsche literatur gründete, da hatte der erste Kulturminister in Ost-Berlin gerade die Dichtung zum "höchstentwickelten Organ der Selbstverständigung und Bewußtwerdung eines Volkes" erklärt. So bekam die Kunst normative Funktion, und der Dichter wurde abkommandiert zum sozialistischen Aufbau. Aber der emphatische Begriff der "Literaturgesellschaft", wie Minister Johannes R.

Becher ihn prägte, besaß noch mehr utopisches Potenzial. Becher entwarf sozusagen ein literazentrisches Weltbild: in der Mitte die dichterische Wahrheit, deren Strahlkraft bis in den letzten Winkel des Alls reichte. Alles ergab plötzlich Sinn, niemand starb für sich allein.

Im sozialistischen Sonnensystem zählten ja in erster Linie die Zusammenhänge: zwischen Vergangenheit und Gegenwart, einzelnen Menschen und großem Plan.

Ideal wäre gewesen, wenn in einer Literaturzeitschrift wie der ndl die disparaten Gesänge der Dichter plötzlich Sphärenharmonie ergeben hätten. Seit Erscheinen des ersten Heftes im Januar 1953 wollten die Chefredakteure (zuerst F. C. Weiskopf und Willi Bredel) jedenfalls mehr als einen Probensaal für Debütanten.