Nach dem Paradies beginnt ein völlig anderes Dasein in Deutschland, die Trockenzeit in einem katholischen Mädchengymnasium. Hier gehöre ich nicht hin, spüre ich, die Mehrzahl meiner greisen Lehrer ist über sechzig, die Nonnen steif und langweilig. Ich verweigere mich, bin aufsässig, mache keine Hausaufgaben, bin nur körperlich anwesend. Ein Mehlsack auf der Schulbank. Das eigentliche Leben besteht darin, endlich nach Hause zu kommen, den ungeliebten Rock aus- und die Hosen anzuziehen, mich aufs Bett zu werfen und zu lesen. Ich habe Heines Buch der Lieder, die Dramen von Schiller und den Robinson Crusoe hinter mir gelassen und bin fasziniert von Dostojewskij und seiner dunklen Seelenschau, die mir zeigt, dass die Menschen eher dem Zwang der Umstände folgen als ihrer Moral.

Ich möchte die Schule so bald wie möglich hinter mich bringen und eigentlich nur lesen und schreiben. Denn ich weiß: Meine Zeilen vor mir auf dem Papier, das bin ich. Aber die Hypothek der Erziehung lastet. Mit Dufflecoat und Pferdeschwanz wandere ich 1950 barfuß und einsam durch die Diplomatenstadt Bad Godesberg, schwärme für die französischen Existenzialisten und habe gleichzeitig den Wunsch, später einfach zu heiraten und Kinder zu bekommen.

Dennoch antwortete ich meinem Vater nach dem Abitur auf seine Frage, was ich nun eigentlich tun möchte: Ich will schreiben.

Das heißt also, Journalistin werden, sagt er und vermittelt mir eine Stelle im Time-Life-Verlag. Hier trete ich in ein großes brummendes Redaktionsbüro, bin 18 Jahre alt und nichts weniger als erwachsen. Mein Schulenglisch ist hölzern, ich kann weder Maschine schreiben noch Steno. Man setzt mich an einen großen Telefonapparat mit unzähligen Lämpchen und Schaltern, den ich zunächst tief beeindruckt anstarre. Dann ruft der erste Journalist an, ein amerikanischer Korrespondent aus Rom, und rapportiert munter in mein Ohr. Ich staune über die sagenhafte Geschwindigkeit, in der er Sätze bildet und bringe keinen Ton heraus. Eine Stunde später schickt man mich mit einem mitleidigen Lächeln nach Hause. Ich beginne Kunstgeschichte und Germanistik zu studieren mit der wenig inspirierenden Aussicht, Lehrerin zu werden.

Die Heirat rettet mich. Ich bekomme in dreieinhalb Jahren drei Kinder. Mein Leben gehört jetzt meiner Familie. Aber in dem Maße, wie der eine meiner beiden Träume in Küchendunst und Kindergeschrei Wirklichkeit wird, wächst der andere heimlich heran. Manchmal plagt er mich wie ein Vorwurf, verfolgt mich im Schlaf, indem er die Bilder eines stets missglückten Aufbruchs wiederholt: Ich möchte verreisen, das einengende Haus verlassen und in die Welt hinausziehen. Aber es gelingt mir nicht.

Ich ziehe meine Strümpfe an, und sie zerreißen. Ich möchte den Wagen starten und stelle fest, dass der Tank leer ist, ich stehe am Flughafen, und man sagt mir, mein Pass sei abgelaufen.

Abhauen geht eben nicht, ich bin eine verheiratete Frau, sorge für eine Familie und habe Pflichten. Ich selbst habe die Umstände geschaffen, die mich am Aufbruch hindern. Mein zweiter Traum ist aufsässig geworden wie ich selbst in meiner Schulzeit. Er verfolgt mich bis zu meinem 55. Lebensjahr, bis zu dem Tag, an dem mein erstes Buch veröffentlicht wird. Dann lässt er mich in Ruhe.