Es sollte ein Tagestrip nach Berlin werden. Mein Vater lag in der Berliner Charité und wartete darauf, dass sich der Sohnemann aus Osnabrück dazu bequemte, seinen alten kranken Vater zu besuchen. Noch am Freitag überredete er mich, einen Tagesausflug nach Berlin zu machen. Voller Sorge recherchierte ich im Internet, wie früh ich wohl am 15.12.2002, just am der Tag der neuen Tarife, aufzustehen hätte. Sollte es ein Chaos werden oder sollte mich die Bahn mit ihrer überwältigenden Professionalität überraschen? Ich wusste es nicht. Ich wählte den IC um 8:06 Uhr von Osnabrück nach Berlin Zoologischer Garten, Ankunft 11:02 Uhr. Genug Zeit also, um einen mindestens zweistündigen Besuch im Krankenhaus abzuhalten. Soweit so gut. Ich fand mich um 7:30 Uhr am Osnabrücker Bahnhof ein, kaufte das Ticket - mit der alten Bahncard selbstverständlich - und verbummelte die nächsten 30 Minuten im warmen Bahnhof. Es sollten nicht die letzten verlorenen Minuten in einem Bahnhof werden, was ich allerdings noch nicht ahnte. Pünktlich um 8:06 Uhr verließ der IC Osnabrück und erreichte fast planmäßig den Zoologischen Garten. Komisch fand ich nur, daß der IC zwar IC hieß, von innen aber nicht von einem Interregio zu unterscheiden war. Aber das wusste ich ja schon - aus den Medien hatte ich bereits hinreichend erfahren, dass die Interregios abgeschafft worden waren.

In Berlin verlief alles gut. Die Genesung meines Vaters machte große Fortschritte und so konnte ich guten Gewissens die Heimreise antreten. Der Leser mag ahnen, dass dies nicht so einfach vonstatten ging, wie ich mir es gewünscht hätte. Ich fand mich auf Gleis 3 des Zoologischen Gartens ein und starrte gebannt auf die Anzeigetafel, die meinen IC nach Osnabrück ausweisen sollte. 14:46 Uhr stand auf meinem Internetausdruck, den ich aus der Tasche fummelte. Doch es stand kein Zug auf der Anzeigetafel angeschlagen. War das Gleis auch richtig, auf dem ich stand? Ich wühlte mich durch die Menschenmassen auf dem Bahnsteig und drückte mich an eine Vitrine mit den Informationen auf gelbem Grund. Nein, alles korrekt. Das Gleis war richtig. Was konnte denn passiert sein? Eine Verspätung - auch kein Problem. Es war kalt, unter null Grad, und etwas Schnee lag auch. Doch für romantische Ideen hatte ich im Moment nichts übrig. Mir wurde jetzt schon kalt, obwohl ich erst fünf Minuten wartete. Es zog wie Hechtsuppe auf dem Bahnsteig, und ich bedauerte jetzt schon, dass ich keine wärmeren Schuhe angezogen hatte. Moonboots wären wohl angemessen gewesen. Wie sehr sehnte ich mich nach einem heißen Getränk, doch das war so weit weg. Dann endlich eine Durchsage: "Der IC nach Köln hat voraussichtlich 15 Minuten Verspätung. Wir bitten um Verständnis." 15 Minuten ist nicht schlimm, dachte ich mir. Doch als nach dieser Zeit immer noch keine Anzeige auf der Tafel am Bahnsteig zu erblicken war, überkamen mich Zweifel, dass es bei den 15 Minuten bleiben würde. Man hatte ja Verständnis - es war der erste Tag mit den neuen Tarifen, und der Fahrplanwechsel stand auch auf dem Programm. Alles verzeihliche Gründe. Aus den 15 Minuten wurden 25 Minuten, ohne dass man die bibbernden Fahrgäste mit einer Erklärung bediente, was denn eigentlich los sei. Dann endlich eine Anzeige. Doch es war nur der Hinweis auf einen anderen verspäteten Zug, der am selben Bahnsteig einfahren sollte. Diese Hinweise mehrten sich. Ein Blättern der Anzeigenseiten, doch dann wieder ein anderer Zug, ein anderes Reiseziel. Mir schwante nichts Gutes. Ich wäre zu gern ins Untergeschoss gegangen, um mich aufzuwärmen und ein wärmendes Getränk zu organisieren. Leider traute ich mich nicht weg. Was war, wenn ich nicht am Bahnsteig war, um die Meldung zu hören, wann mein Zug einfahren sollte? Ich schaute mich um. Einige der wartenden Fahrgästen fingen an, auf der Stelle zu trippeln oder gar zu hüpfen. Ich spürte meine Zehen kaum, und so versuchte ich mich ein wenig auf- und abzubewegen. Der Wind pfiff weiter über den Bahnsteig, der so voll war, dass ich befürchtete, alle, aber auch alle wollten den selben Zug nehmen. Die Minuten verstrichen. Dann kam endlich wieder eine akustische Meldung. Der IC Richtung Köln hatte nun voraussichtlich 40 Minuten Verspätung. Es klang so lächerlich, weil die 40 Minuten fast voll waren. Langsam spürte ich, wie ich es Leid war, auf die Bahn angewiesen zu sein. Als ein Mensch ohne Führerschein kommt man sich in dieser Republik vor wie ein Mensch zweiter Klasse. Auf ewig verdammt zu sein, mit der Bahn fahren zu müssen. Was würde passieren, wenn am 13.12.2003 meine alte Bahncard ihre Gültigkeit verliert? Wäre das das Ende meiner Mobilität, die eine solche spontane Krankenbesuchsreise fast unmöglich machen würde? Wie oft kommt es vor, dass man spontan solche Reisen macht? Meine Gedanken schweifen weiter ab, und ich freute mich auf mein Bett. Dazwischen lagen allerdings noch drei Stunden Zugfahrt mit dem IC und die Tatsache, dass ich ja noch immer in Berlin war. Wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich einen späteren Zug genommen. Aber lamentieren half nichts. Ein Mensch mit roter Mütze und der Kompetenz, die zitternden Reisenden auf dem Bahnsteig zu beruhigen, war weit und breit nicht zu sehen. Die einzigen Menschen mit roter Kopfbedeckung waren Reisende mit Nikolausmützen. Eine Weihnachtsstimmung, wenn ich sie je gehabt habe, war wie weggeblasen. Mein Unmut fing an, in Hass umzuschlagen. Wann kommt endlich mein Zug? Dann erneut eine Durchsage: Der Zug hat 50 Minuten Verspätung. Schließlich fuhr der Zug ein, und als ich drin saß, ein ganzes Zugabteil für mich allein hatte, meine Füße wieder auftauten, erfuhr ich, wie es zu dieser Verspätung kommen konnte. Der Zugbegleiter erklärte lang und breit mit gelassener Freundlichkeit, dass ein Wagen defekt war. Ich war zufrieden. Mehr wollte ich auch nicht wissen. 50 Minuten stand ich frierend am Bahnsteig und traute mich nicht weg vom Fleck. Hätte ich einen Internetanschluss zur Stelle gehabt, dann hätte ich das vielleicht auch in Erfahrung bringen können. Die Wartezeit wäre an sich auch nicht schlimm gewesen, wenn man sich besser darauf hätte einstellen können. Was hätte ich in 50 Minuten nicht alles unternehmen können! Ein Kaffee, ein Stück Kuchen, ein kleiner Bummel durch einladende Bahnhofsgeschäfte? So trat das ein, was immer in diesen Situationen eintreten musste. Vergeudete, verschenkte, verplemperte, kostbare Wartezeit und nicht zu vergessen der Frust. Dieses Manko gab es vor dem Fahrplanwechsel und wird es auch weiterhin geben, so ist zu befürchten.