Die letzten Sonnenstrahlen blinzelten uns zum Abschied durch das Fenster des Zugabteils zu, während das Meer an uns vorbeizog. Bald verschwamm die Insel im kühlen Blau und zurück blieb die Erinnerung an einen sonnigen Tag im Mai. Völlig erschöpft lehnten wir in den blaugrünmelierten Sitzen der Bummelbahn, die uns von Westerland zurück nach Hamburg bringen sollte. Unsere sonnenverbrannten Nasen leuchteten in der Dämmerung. Wir hingen unseren Gedanken nach, als der Fahrkartenkontrolleur auf uns zusteuerte.
Meine Mutter hielt ihm unser Schöneswochenendeticket hin und pflichtbewusst zählte der gute Mann seine Passagiere durch. Wir waren sieben: Meine Mutter, meine Schwester mit ihrem Mann und der kleinen Anne-Marie, mein Bruder, seine Freundin und ich.
"Aber Sie sind ja sieben, das geht doch nicht!" Der arme Kontrolleur zählte nun schon zum vierten Mal nach. "Mit diesem Ticket dürfen Sie nur zu fünft fahren!"
"Ach, tatsächlich? Aber man darf doch beliebig viele Kinder mitnehmen, oder?"
"Zwei Erwachsene und beliebig viele eigene Kinder.", erklärte er geduldig.

Anne-Marie war zweifellos noch ein Kind, doch wir waren trotzdem mit insgesamt sechs Erwachsenen unterwegs. Es war sicherlich nicht unsere Absicht gewesen, die Bahn zu betrügen, aber irgendwie hatten wir uns selbst etwas verschätzt, und nun galt es, sich möglichst geschickt aus der Affäre zu lavieren.

Unsere Strategie bestand darin, den Kontrolleur in eine unschlüssige Diskussion zu verwickeln und ihn durch einen ungebremsten Redefluss noch mehr zu verwirren als er es ohnehin schon war. Ich möchte dem Fahrkartenkontrolleur von Westerland und seiner eher überschaubaren Auffassungsgabe nicht zu nahe treten, doch die Strategie fruchtete sofort.
"Aber...", stotterte er nur noch und die untergehende Sonne glitzerte ein letztes Mal in seinen verzweifelten Augen.
"Nun sehen Sie mal, junger Mann", meinte meine Mutter da, "so schwer ist das doch nicht: Ich bin die Mutter, und das sind alles meine Kinder!"
"Na, wenn das so ist", murmelte der arme Mann nur noch ergeben und verzichtete netterweise darauf, sich nach unserem Alter zu erkundigen. Wer weiß, vielleicht hätte es ihn doch stutzig gemacht, dass das jüngste Kind gerade ein Jahr alt war und das Älteste bereits über dreißig.
"Dann noch 'ne gute Fahrt!", sprach er und schlurfte von dannen.