Es war alles genau geplant: Lode, meine 70-jährige gehbehinderte Tante, sollte in Lüneburg in den IC „Bodensee“ einsteigen, ich wollte mit meinem Mann eine Station weiter in Uelzen zusteigen, um sie zu ihrer Tochter nach Markdorf am Bodensee zu begleiten, denn die Reise war für sie allein zu beschwerlich. Wir hatten der alten Dame eingeschärft, dass sie nur diesen Zug und nur Wagen 13 mit den entsprechenden Platznummern benutzen sollte.

Es wäre auch alles so einfach gewesen, hätten nicht wir den IC Bodensee mit dem fünf Minuten später fahrenden Interregio Flensburg-Hannover verwechselt.

Hundertwasser-Bahnhof Uelzen 07:14 Uhr: der IC „Bodensee fährt ein – wir sitzen in Erwartung des Interregios gemütlich zeitunglesend auf einer Bank am Bahnsteig und lassen uns nicht von der Hektik der einsteigenden Fahrgäste anstecken. Was wir nicht wissen: drinnen sitzt verstört Tante Lode und sieht uns und versteht nicht, warum wir keine Anstalten zum Zusteigen unternehmen. Kommunikation durch das geschlossene Fenster ist unmöglich. Der Zug verlässt den Bahnhof, der Interregion fährt ein, und wir suchen den Wagen 13. Dieser Zug führt keinen Wagen 13. Die Nachfrage beim Schaffner und ein Blick auf das Zugbegleitschild lässt uns die Dramatik der Situation erkennen: Fünf Minuten vor uns fährt Tante Lode im richtigen IC, wir sind im falschen Interregio. Der Entschluss ist klar: Wir müssen die Tante in Hannover aus dem IC bekommen. Bis Celle brauchen wir, um dem Zugführer die verwickelte Situation zu erklären. Aber er bekommt per Diensttelefon keine Verbindung mit seiner vor ihm fahrenden Kollegin. Dann der rettende Einfall: Er kennt den Lokführer des ICs und dessen private Handynummer. Es klappt. Der Lokführer des ICs wird informiert, der wiederum setzt seine Zugführerin in Marsch, die in Wagen 13 die Tante auftreibt und mit schönen Grüßen von uns in Hannover zum Aussteigen bewegt. In Hannover: Einfahrt des Interregios auf Gleis 14, auf Gleis 7 wartet verspätet der IC, ich wittere die Chance, doch noch mit dem richtigen Zug weiterfahren zu können, mein Mann sprintet durch den Hannoveraner Bahnhof, erwischt die Zugführerin kurz vor dem Abfahrtsignal: Bitte warten, wir müssen hier gemeinsam wieder rein! Die freundliche Beamtin kennt die Tante natürlich schon, lässt Gnade vor Pünktlichkeit ergehen, wartet ein wenig genervt, bis wir unsere Lode, die inzwischen weisungsgemäß ausgestiegen war, wieder eingefangen haben und sitzen schließlich im richtigen IC, Wagen 13.

Tante Lode: „Euch moderne , jungen Leute kann man noch nicht einmal allein Bahn fahren lassen!“ - Bei uns allerdings hat die DB ob der hilfsbereiten Flexibilität ihres Personals einige Verspätungen gut...