Als die Abteiltür schwungvoll aufgerissen wurde, hätte wohl jeder Mann den Atem angehalten: Sie hatte lange schwarze Haare, die über ihre Schulter fielen, große, dunkle Augen, die herausfordernd in die Welt blickten, 1,80 lang, schlank; ein Wollmantel hing locker über ihren Schultern und gab den Blick frei auf das kühne Dekolleté ihres Pullovers, blaue, enge Jeans. Ende dreißig schätzte ich ihr Alter... Sie betrat das Erste-Klasse-Abteil nicht, sie nahm es ein mit mir als einzigem Passagier, warf ihre Reisetasche mit ausladender Bewegung auf die freie Sitzbank, sang mehr als dass sie es sagte: „Hallo“ und fügte hinzu: „Kannst Du mir einen 500-Markschein wechseln?“ Während sie mir gegenüber am Fenster Platz nahm, falsch: – ihren schlanken Körper dekorativ niedersinken ließ – ordnete sie ihre Haare mit beiden Händen nach hinten über die Schultern. „Ich fahre nach München, Du auch?“ Und ehe ich antworten konnte, sagte, nein rief sie, lachend „Na klar fährst Du nach München, sonst wärst Du ja nicht hier drin“. Wohin fährt man auch sonst, wenn man in Hamburg-Altona auf die Abfahrt des Intercitys nach München wartet. „Was ist jetzt mit dem 500 Markschein?“ Nein, natürlich konnte ich den nicht wechseln. „Na das gibt `nen Spaß. – Der Schaffner kann das bestimmt auch nicht“, frohlockte sie. Den Spaß hatten wir später tatsächlich.

Bereits auf den Elbbrücken erklärte sie mir: „Ich heiße übrigens Maria – kennst Du mich nicht?“ Ich konnte nur mit meinem Vornamen dienen: „Frank“. Aber kennen, warum sollt ich sie kennen? Maria gab mir keine Zeit zu weiteren Überlegungen: „Maria Duval, mein Bruder Frank und ich waren in den 50-er Jahren das erste Kinder- Duo in Berlin.“ Natürlich, ihren Bruder Frank Duval kannte ich als Komponisten von Krimi-Musik aus dem Fernsehen. Und Maria tingelte jetzt offensichtlich mit Show-Auftritten durchs Land..

Maria erzählte von ihren Auftritten, wir alberten herum, meiner Einladung in den Speisewagen folgte sie mit einem für ihr Temperament geradezu unterdrückten Jubelschrei: man hatte schließlich Durst....Ab Kassel unterhielt Maria mit ihren Erzählungen und Flirtansätzen nicht nur mich sondern auch die anderen Fahrgäste im Speisewagen.... Hinter Frankfurt und nach etlichen Schoppen Sekt und Rotwein, hatte auch ich meine ängstliche Kleinbürgerlichkeit abgelegt und konnte ungerührt, inzwischen amüsiert, hinnehmen, wie Maria lauthals fragte: „Gib mir doch endlich mal Deine Karte , dass ich Dich anrufen kann, oder wartet da eine eifersüchtige Frau zu Hause?...“

Den Weg zurück zu unserem Abteil unterbrachen wir im Großraumwagen und leerten dort die mitgeführten Piccolo Rotwein. Neben uns auf der anderen Seite des Ganges hatten mit uns drei Nonnen in Tracht Platz genommen, was Maria zu allerlei kabarettistischen Äußerungen, gesteuert durch ihre eher säkularen Weltanschauungen, veranlasste. Den anderen Fahrgästen ging es wie mir zu Beginn dieser Reise: anfängliche Skepsis wich allmählich amüsierter Anteilnahme.

Als der Schaffner bei der Fahrkartenkontrolle schließlich diskret an den drei Nonnen, die inzwischen eingeschlafen waren, vorbei gehen wollte, forderte meine Maria ihn lauthals zur Kontrolle der Damen auf „Die reisen immer mit dieser Masche“, erklärte sie dem verdutzten Beamten, der beeindruckt von Marias Bestimmtheit die frommen Damen weckte und feststellen musste, Maria hatte Recht: die Fahrscheine waren nicht korrekt, es musste nachgezahlt werden. „Hab ich`s nicht gesagt!“ Als wir kurz vor München unseren Weg zum Abteil fortsetzten, eröffnete Maria mir, dass sie in München gleich von „Kurtie“ abgeholt würde. Es folgten herzliche Umarmungen beim Abschied, verstohlen beobachtete ich, wem Maria auf dem Bahnsteig gleich um den Hals fallen würde. Und da war er auch schon, kein Arnold Schwarzenegger, wie ich vermutet hatte, sondern ein netter Mittdreißiger, erheblich kleiner als Maria, schloss sie, nein wurde von ihr in die –Arme geschlossen, will sagen, auf das Heftigste geknuddelt.. Für einen kurzen Augenblick störte mich diese Innigkeit. Eifersüchtig war ich natürlich nicht, ein wenig neidisch vielleicht, denn diese Frau hatte mich kalt erwischt – zwischen Hamburg-Altona und München Hauptbahnhof.