Das reibungslose Funktionieren unserer Eisenbahnen gilt als Symbol für Verlässlichkeit und planvolles Vorankommen. Der Zug als Sinnbild gesellschaftlicher Normalität.

Dies aber nur, solange nicht Individuen den Zug besteigen, die ohnehin schon Sand im Getriebe sind und die die gleichmäßige Fahrt eines Intercity stören.

Es gibt bedauerlicherweise in dieser Gesellschaft Kinder, die aufgrund ihres fehlangepassten, hyperaktiven oder aggressiven Verhaltens, zumeist als Folge von falscher oder fehlender Erziehung, an entsprechende Sonderschulen verwiesen werden. Dort sollen sie nun mit Hilfe einer besonderen Pädagogik und Didaktik wieder auf den rechten Weg gebracht, quasi nacherzogen werden.

Nachdem meine Kollegin und ich innerhalb des Klassenraumes und unter Einbeziehung der näheren Schulumgebung alles Mögliche an beeinflussenden Maßnahmen mit Blick auf diese Rasselbande unternommen und versucht hatten, kam die Krönung des diesjährigen Schulprogramms: Eine einwöchige Klassenfahrt nach Sylt.

Diese gameboygeschädigten, sozial verwahrlosten Kids sollten, so unsere Absicht, an der frischen Nordseeluft, bei gemeinsamen Strand- und Wattwanderungen oder beim ruhigen Gezockel der Kutschpferde auf Hooge zu neuen Erfahrungen und Erkenntnissen kommen.

So waren wir also mit jener unruhigen Schar Zehnjähriger von Köln nach Westerland unterwegs. Insgesamt zwölf Jungen. Und jeder von ihnen zählte, von den Notwendigkeiten der Beaufsichtigung her gesehen, für drei. Wir besetzten mehrere nebeneinanderliegende Abteile. Es war im Mai. Ein warmer, sonniger Tag.

Natürlich konnten wir die Kids nicht länger als eine halbe Stunde in den Abteilen halten. Sie fühlten sich offenbar eingesperrt und produzierten schon nach wenigen Minuten die ersten Konflikte und Streitereien. Sie wollten natürlich auf den Gang. Wir vertrösteten sie auf später. Sie versuchten es erneut und nervten immer mehr.

Schließlich ließen wir sie raus. Es ging auch gar nicht anders. Sie tigerten auf und ab. Dann öffneten einige die Fenster. Wir schlossen die Fenster wieder und machten auf die möglichen Gefahren aufmerksam.

Schließlich büchsten uns die ersten aus und entkamen in die benachbarten Großraumwagen. Angelika, meine Kollegin, jagte in die eine, ich in die andere Richtung, um unsere Schützlinge wieder einzusammeln. Marita, die mitreisende Sozialpädagogin, hielt die Stellung vor den Abteilen. Zunehmend außer Atem eilte ich durch die Gänge der vollbesetzten Wagen. Weiter vorne sah ich einen Blondschopf verschwinden.

Ich balancierte weiter zwischen Clubreisetaschen und Mephistoschuhen hindurch. Hinter mir schlossen sich zischend die Glastüren. Der Weg durch die Wagen schien unendlich.