Fünfeinhalb Stunden soll die Bahnfahrt von Frankfurt/Main über Leipzig in die sächsische Kleinstadt Döbeln dauern. Leer gähnt der Zug am frühen Sonnabend morgen. Fahrkarte abknipsen lassen, zum Nickerchen zusammenrollen. Kurz nach halb neun wird hinter Fulda geweckt: „Per-so-nal-wechsel, Ihre Fahrkarte bitte.“ Auch wer tief schlummert, hat keine Chance. Der Zugbegleiter schüttelt, bis sich verschlafene Augen aufquälen: „Tut mir leid, das muss sein.“

Muss? Zum Streiten ist die Reisende noch zu müd‘. Sie freut sich auf ein leckeres Frühstück im Speisewagen. „Ein Vitalfrühstück bitte - kann ich zum Kaffee bitte richtige Milch bekommen?“ - „Ja, aber ...“, der Kellner zögert: „... das kostet einen Euro extra.“ - „???“ - „Ich habe nur Tetrapacks - und die sind alle abgezählt.“

Nicht, dass die Bahn pingelig sei, nein, sie zeigt sich auch großzügig: Zwei Frauen lassen sich am Nebentisch fallen und zünden sich eine an. Weil die nichtmilitante Nichtraucherin zumindest zum Quarkbrötchen keinen Qualm mag, fixiert sie dezent das Schild mit der rot durchbalkten Zigarette. Prompt schallt der Triumph vom Nebentisch: „Der Kellner hat‘s erlaubt“.

Zwar wäre vorn noch ein „Rauchertisch“ frei, doch den mochten Kellner, Koch und ‚Bild‘ wohl nicht räumen. So gerät der Abschied in dicker Luft etwas verschnupft: „Es wäre ganz klasse, wenn Sie fragten, bevor Sie großzügig das Rauchen gestatten.“ Der Kellner schaut, als betrachte er ein vielköpfiges Fabelwesen. „Wenn es Sie wirklich gestört hätte, hätte ich Sie in das hintere Abteil gesetzt, das ist nur für Nichtraucher.“ - „Wie, ich soll mitten im Frühstücken zwischen uneingedeckte Tische umziehen, damit Raucher am Nichtrauchertisch qualmen können?“ Schulterzucken.

Um Viertel nach elf läuft der IC in der Leipziger Fernwehkathedrale ein. Weiter ginge es von Gleis 22, hatte der Schaffner gesagt. Doch da ist Baustelle: Planen verhängen den Bahnsteig auf ganzer Länge, von der Halle aus müsste ich mit dem Kopf durch die Wand. Wohin nun? Die großen Anzeigetafeln in der Halle helfen nicht - sie gehen sozusagen 20 Minuten vor und „mein“ Zug erscheint gar nicht mehr. Also zum „Service-Point“ am Gleis 14 flitzen: „Tschulligung, wo fährt‘n der Zug nach Döbeln?“ - „Gleis 19.“

Dort warten schwarz-gelb beflaggte Fußballfans, eskortiert von einigen Dutzend Polizisten in Kampfkluft, auf Dynamo-Nachschub aus Dresden. Ankunft 11.13 Uhr und etwa 30 Minuten Verspätung verheißt die Rolltafel am Bahnsteig. „Der Zug fährt dann zurück“, erklärt einer in Uniform. Prima, die Richtung passt und es bleibt Zeit für einen Bummel durch den funkelnagelerneuerten Fresstempel mit Gleisanschluß. Zehn vor zwölf meldet die Anzeige - in kleiner Schrift und nur aus kurzer Entfernung zu erkennen, doch schnieke wie der ganze Bahnhof - immer noch 30 Minuten Verspätung.

Wieder zu Gleis 14. „Nein, haben wir nicht“, bescheidet ein Bundesbahner die Frage nach aktueller Information. In dem Zug seien 300 Fußballfans, „schon bei Abfahrt 45 Minuten Verspätung“.

Um zwölf läuft der Regionalzug ein, erbricht Bierdosen und stumpfe Gesichter unter Glatzen. Die Schwarzgelben versuchen Begrüßungschoräle; mangels Mitsinger verstummen sie schnell, die grünen Freunde und Helfer haben nichts zu tun. „Noch nicht einsteigen“, es müsse erst geräumt und gereinigt werden. „Wann fährt der denn nun ab, nach Döbeln?“ - „Döbeln? Gar nicht - der fährt über Wurzen nach Dresden“, empört sich einer mit Dienstmütze. Der Reisenden stürzt der Unterkiefer ab. Aber man habe ihr doch gesagt ...

Nicht sein Problem. Der Zug nach Döbeln sei pünktlich auf Gleis 22 abgefahren. „Gleis 22 ist zu.“ - “Nein.“ - „Doch.“ Nein, es gäbe noch ein Gleis 22, das sei außerhalb des Bahnhofs. „Und warum steht das nirgends dran?“ - „Das weiß ich doch nicht.“ - „Und wie, bitte, komme ich jetzt bis 14.00 Uhr nach Döbeln?“ - „Weiß ich nicht. Müssen Se guggen, wann der nächste Zug fährt.“ Der nächste Zug fährt halb zwei, Ankunft in Döbeln um drei - zu spät. „Ich hätte bitte gern mit Ihrem verantwortlichen Bahnhofsleiter oder so gesprochen.“ - „Geht nicht.“ - „???“ - „Heute ist niemand da. Müssen Se am Montag wiedergomm‘.“ Das meint der ernst. Wieder zurück zum „Service-Point“. Neues Gesicht, neue Information: „Wieso 22 - der fährt normalerweise auf Gleis 19 und ist heute ausnahmsweise von Gleis 20 gefahren - 300 Fußballfans aus Dresden ...“ - „Und warum stand das nirgends dran?“ - „Stand das nirgends dran?“ - „Neiiiin!“ Schulterzucken. „Und was können wir jetzt tun? Können Sie mir einen Taxischein ausstellen?“ „Ich weiß nicht, was ich für Sie tun soll - müssen Se auf den nächsten Zug warten.“

Zehn nach zwölf. Treppe runter - Gott sei dank ohne Gepäck unterwegs. Zwischen Fahrkartenschaltern vernehmen zwei Bundesbahnerinnen entgeistert das Abenteuer. Sie überlegen nicht, welchen Oberbahner sie einschalten müssten, sondern betreten den Königsweg Service. Eine klemmt sich ans Telefon: Es sei wirklich dringend, ob man der Dame bitte einen Taxigutschein ausstellen könnte.

Und auf einmal scheint alles ganz problemlos. Beschwingt die Treppe hochgehüpft zum vertrauten „Service Point“, um den Gutschein abzuholen. „Das ist noch überhaupt nicht entschieden, ob Sie einen bekommen“ kläfft ein pomadisierter Twen, greift zum Telefon und erzählt wem auch immer etwas von „anderes Gleis“. Drei Minuten später der Rückruf: Abgelehnt. Mit diesem Herrn möchte die Reisende gern selbst reden. Der Entscheider hört und spricht: „Dann warten Sie mal.“ Die Wartende lässt den Blick schweifen. Der bleibt hängen an einem Streckenfahrplan, gültig ab 24. Mai: „Unser Anspruch: Der Kunde im Mittelpunkt.“ Dort also wartet sie.

Halb eins. Rotkäppchen trifft am „Service-Point“ ein und schmettert die Forderung nach einer Taxe mit unschlagbarem Argument ab: „Das schaffen Sie jetzt ohnehin nicht mehr.“ Die Möchtegern-Reisende vermag diese Logik nicht nachzuvollziehen, wankt und weicht nicht. Also greift Mütze zum Telefon und freut sich: „Ich kann nichts machen, in Halle meldet sich niemand.“ Am Montag könne sie sich an folgender Stelle beschweren. Die Kundin will sich nicht am Montag beschweren, sondern nach Döbeln - und zwar jetzt.

Dreiviertel eins geht Deus Bürokratius in Halle ans Telefon und gibt grünes Licht. „Halt!“ Pomade holt die Entfleuchende aus den Startblöcken und fängt an, Formulare auszufüllen. „Ihren Ausweis bitte.“ Noch eine kleine Ewigkeit. Um 12.55 darf ich endlich ins Taxi. Vier Augen streifen wie Suchscheinwerfer über die Autobahn, um Radaranlagen zu orten. Die Bahn ist frei und zehn nach zwei bin ich für 139 Mark zehn auf DB-Kosten in Döbeln.

Von der Rückfahrt weiß die Reisende nichts berichten - ein Kollege nahm sie im Auto mit. Echt entspannend! Nachtrag: Als sich die Gereiste telefonisch bei der DB monieren will, erklärt man ihr, dazu müsse sie ihre Beschwerde erst mal vollständig aufschreiben. Merke: Bahnfahren entspannt, die Deutsche Bahn bemüht sich um ihre Kunden - und die Erde ist eine Scheibe.