Es soll doch auch einmal Gutes über die Bahn berichtet werden. Dabei handelt es sich um die menschlichen Aspekte des "Bahnbeamten" – den es ja eigentlich gar nicht mehr gibt und zu dessen Image eher Pünktlichkeit und Korrektheit als Flexibilität und menschliches Verständnis zählen. Die Kulisse der folgenden zwei Anekdoten ist die landschaftlich sehr reizvolle Bahnstrecke München-Garmisch.

I. Nach einer wunderschönen Wanderung um den Staffelsee beeilte ich mich mit einer guten Freundin, den Zug zu erreichen, um dann ermüdet und enttäuscht festzustellen, dass der erwartete Zug in Uffing gar nicht hält – in den "unbedeutenden" Orten hält nur jeder zweite Zug. Wir richteten uns auf eine einstündige Wartezeit in dem nicht gerade einladenden Bahnhof ein, als der Gegenzug nach Murnau-Mittenwald angekündigt wurde. Ach ja, in Murnau muß doch der Gegenzug warten, bis das Gleis frei ist. Schnell gefragt: "Können wir den erreichen?" Ein bärtiges Gesicht antwortet mit Kopfschütteln durch die Scheibe. Kurz danach, als der Zug schon eingefahren ist, kommt der Mann heraus: "Steigen Sie ein und in Murnau schnell um, der Zug wartet". Und tatsächlich: als wir die Treppe zum anderen Gleis hinauf keuchen, steht da der Zug abfahrbereit, der Schaffner an der Treppe: "Sind Sie die, die da noch mit wollen?" Außer Atem aber erleichtert sinken wir in die Polster.

II. Meine Frau gehört zu den zahlreichen Pendlern nach München. Wie so oft, ist sie auf dem Heimweg erschöpft von der Rennerei des Tages im warmen Zug eingenickt. Als sie aufschaut, sieht sie gerade noch den Heimatbahnhof nach hinten verschwinden. An der nächsten Haltestelle springt sie raus und findet sich auf einem spärlich beleuchteten Bahnsteig vor einem ebensolchen Bahnhof wieder. Kein Haus kein, Taxi, nur Dunkelheit. Wieder ein bärtiges Gesicht hinter einer Scheibe mit ovalem Fensterchen – diesmal ein anderes. "Wann fährt der nächste Zug zurück?" "Da näxte hoit ned." Die Antwort ist nicht unfreundlich – bärtige Leute sind hier nicht besonders gesprächig. "Wo gibt es denn ein Taxi oder eine Telefonzelle?" Die ebenso kurze wie erschöpfende Antwort: "Do gibt’s nix." Der Bart verschwindet nach hinten. Einen Moment später erscheint er wieder: "Da näxte Zug hoit." "Ja können sie den so einfach anhalten?" – "I hob’s hoit gmacht." Und tatsächlich, der lange Zug aus Innsbruck hält vor der einsamen Reisenden und ihr Ziel hat sie mit weniger Verspätung als an manchen anderen Tagen erreicht.